Rezension,

A Girl Walks Home Alone At Night (2014)

April 06, 2015

In der iranischen Geisterstadt Bad City gehen seltsame Dinge vor. Hier tummeln sich die Erschöpften und Verbrauchten, Gesetzlose und ihre Opfer. Die Wände schwitzen Verbrechen aus ihren Poren. Doch kaum einer, der hier lebt, ahnt, dass in dieser Stadt auch ein stiller Vampir umgeht, ein Vampir auf Rädern.


A Girl Walks Home Alone At Night ist die Geschichte zweier Menschen, die sich erst in den Wandel, dann ineinander verlieben. Ihre Liebe stünde unter einem schlechtem Stern, würde am Himmel ihrer Welt auch nur ein einziger scheinen. Licht ist für sie etwas Künstliches, kommt von Straßenlaternen und Discokugeln; Dunkelheit hingegen scheint der Normalzustand.

Ihr kommt das gerade recht. Die Rolltitel nennen sie nur “Das Mädchen” (Sheila Vand). Einen Namen braucht sie nicht; es gibt ja auch keinen für das Gefühl von Verfolgung auf dem nächtlichen Nachhauseweg. Und auch für ihren Zustand gibt es höchstens umschreibende Worte. Am treffendsten scheint noch: Vampir. Spitze Zähne, blutsaugend; soweit bekannt, aber dennoch eine der aufregendsten Deutungen des vielfach interpretierten Typs. Wahrscheinlich entsprang ihrer Figur der Feststellung, dass das Hidschāb, wie jede Form der Verhüllung, etwas Fremdartiges und Bedrohliches mit sich bringt. Richtig in Szene gesetzt sind die Grenzen zwischen klassischem Dracula-Umhang und traditioneller Kopfbedeckung fließend. Verhüllt gleicht sie einem Loch in der Filmwelt, einem blinden Fleck. Sie wird zu einem Schatten, der keine Abhängigkeit vom Licht mehr verspürt. Ohne Kleidung ist sie ganz Kreatur, anfangs wird sie nur für ihre Opfer Mensch.

Er heißt Arash (Arash Marandi) und ist die iranische Antwort auf James Dean. Weißes Shirt, Jeans, Zigarette im Mundwinkel. Lässige Coolness, proletarischer Charme. Wenn es tatsächlich einmal Tag sein sollte, verdeckt eine Sonnenbrille seine Augen. Für seinen Sportwagen hat er 2191 Tage gearbeitet – nur damit der Drogendealer seines Vaters Hossein (Marshall Manesh), der seine Schulden nicht zahlen kann, ihm die Schlüssel wieder abnimmt. Kein Wunder, dass Arash bei seinen wohlhabenden Geldgebern Ohrringe stiehlt. Ebenfalls kein Wunder ist, wie sehr dieser Akt für Arash ein moralisches Dilemma darstellt. Selbst später, wenn er auf Partys Exctasy-Pillen tickt, verliert er nie seine Aura jungenhafter Naivität und Unschuld.

Es geschieht in einer Nacht – das ungleiche Paar begegnet sich, nach flüchtigen Blicken im Vorbeigehen, zum ersten Mal wirklich. Arash starrt, nach einer Kostümparty, im Rausch voller Verzückung auf eine Straßenlaterne. Der Mensch in Vampirverkleidung trifft auf den Vampir im Menschenkostüm. Das Mädchen nimmt ihn mit nach Hause und spielt ihm Musik vor. Diese beiden fliehen zueinander, vor einer falschen Gesellschaft, in der es kein richtiges Leben gibt. Der Film ist in schwarz-weiß gehalten und lebt von seinen Kontrasten – denen zwischen Licht und Schatten, Alt und Neu, Mensch und Vampir. Die vergehende Generation sediert ihre Verzweiflung mit Drogen, die neue feiert. Alle Familien sind zerbrochen; wer nicht genügend Abstand hält, schneidet sich an den Splittern. Alte, bärtige Männer predigen aus Fernsehapparaten Anstand und Moral, werden aber von einem kurzen Blick auf die Straßen weltfremde Lügner gestraft. Alle Bewohner von „Bad City“ (so der Name des fiktiven Schauplatzes) sind mehr Ideen als Menschen, so wie es eher die Idee einer Stadt ist. Prostituierte, Zuhälter, Bettler und Junkies bevölkern die Straßen. Es ist wie der Schauplatz eines Westerns, nur ohne Cowboys. Die Genre-Bestimmung fällt schwer. Elemente von Horror, Noir, Western und Drama vermischen sich zu einem Gemenge von ungewohnter Textur.

Den Kern des Ganzen bildet die Liebesgeschichte, die (wie alles andere im Film) wenig in Dialogen, dafür aber viel durch Musik und Stimmung erzählt wird. Die Bilder von Kameramann Lyle Vincent sind kontrastreich und oft von einer strengen, kalten Schönheit. Regisseurin Ana Lily Amirpour entführt mit ihrem Film in eine dieser Parallelwelten, in denen Musik nicht in der Luft liegt, sondern die Luft ist. Wie bei Wong Kar-Wai oder Jim Jarmusch scheint sie eine dauerhafte Präsenz, gefangen irgendwo hinter den Geräuschen des Alltags. Als wären ihre Klänge aus fremden Sphären, deren Grenzen zur unseren immer brüchiger werden. Durch den Schallplattenspieler wird sie beschworen, durch den DJ oder durch das Radio.

Ob Gitarren, Drum-Computer und verzweifelte Teenager-Poesie im Iran wirklich noch subversive Kraft besitzen, bleibt von einer westlichen Perspektive aus schwer zu beurteilen. Aber wenn man sich die zärtlichen Momente zwischen Arash und dem Mädchen ansieht, erscheint es zumindest möglich. Denn mit jedem Lebensgefühl ist immer auch ein Leben verbunden. Manchmal ist es eines, das wenige führen, das neue Wege aufzeigt.

Ihre Liebe reißt Wunden, nicht nur in das Gesellschaftsbild der alten Männer im Fernsehen. Wenn Arash dem Mädchen Löcher sticht, damit sie ihre gestohlenen Ohrringe anstecken kann, dann liegt in diesem Bild viel Wahrheit. Dem Offenbarungsakt Beziehung entrinnt keiner ohne Versehrung, genau wie jeder gesellschaftliche Umbruch Wachstumsschmerzen hervorruft. Wir machen uns verletzbar gegenüber einem Menschen. Was, wenn der andere eine Bestie ist, die nur auf das Wegfallen der Masken gewartet hat?

Die Kreatürlichkeit des Mädchens verharrt jedoch nicht in dieser einen Dimension. Sie zeigt auch: Auf eine traditionelle Gesellschaft wirkt eine selbstbestimmte Frau nicht weniger bedrohliches als ein blutsaugendes Monster. Das Mädchen verbindet beides und wird zu einer weiblichen Rachephantasie. Selten schien der Gedanke, das Kopftuch könnte ein Symbol der weiblichen Unterdrückung sein, so absonderlich. Ihre Jagd auf Opfer hat etwas unfassbar beherrschtes, dass auch die Kamera bestätigt, die selbst jagt und pirscht wie ein Raubtier. Wenn sie mit einem prolligen Zuhälter nach Hause geht, dann ist es ihre Unbewegtheit, die irgendwann klar macht, dass etwas nicht stimmt. Die Szene dauert an, der Aufreißer verliert sich mehr und mehr in Posen der männlichen Überlegenheit: Geld zählen, eine Line Koks für das Selbstbewusstsein ziehen, Hanteln stemmen, sogar für eine Art Brunfttanz mit nacktem Oberköper gibt er sich her. Jeder Schnitt zurück auf das still dastehende Mädchen gibt ihm der Lächerlichkeit preis. Ein einziges Mal ergeht sich der Film in einer symbolischen Entmannung, ohne das ganze zur Pose zu machen.

Der Film wurde nicht im Iran gedreht, sondern in Kalifornien, fernab von Amirpours Heimat. Viele der Darsteller sind Amerikaner. Man merkt ihm nicht nur den weiblichen, sondern auch den Blick der Außenseiterin deutlich an. Im Gegensatz zu den Größen des zeitgenössischen iranischen Kinos wie Asghar Farhadi oder Altmeister Abbas Kiarostami ist eine diffuse Entfremdung zu den dargestellten Schauplätzen zu fühlen. Der Film basiert auf einem Graphic Novel und jede Einstellung ist mehr Panel als Realität.

Nur dass es nicht bei Bildkästchen bleibt, in denen jeder für sich ist. Alles findet zusammen, jede Barriere zwischen Körpern und Ideen hat eine Halbwertzeit. Apostel der alten Ordnung bleiben zurück, oft in ihrem eigenen Blut. Unentwegt geht der Fortschritt voran – man trifft sich vor Zügen und Kraftwerken, entdeckt im Retro-Rockabilly-Chic eine eigene Vision der Zukunft. Am Ende wird klar: Besser gemeinsam im künstlichen Licht leben als getrennt unter einer erbarmungslosen Sonne. Wir alle müssen unsere Bad City irgendwann verlassen, uns auf die Reise durch die Dunkelheit machen. Erst mit der Herkunft im Rückspiegel sind wir wirklich auf dem Weg in die Heimat.

Text von Lucas Barwenczik


 

A Girl Walks Home Alone at Night
Kinostart: 23.04.2015
Genre: Horror, Drama
Regie: Ana Lily Amirpour
Laufzeit: 101 min.
Verleih: CapeLight Pictures

 

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