Rezension,

A Most Violent Year (2014) – Der Pate des rechten Weges

März 17, 2015

New york City, 1981, ein ambitionierter Immigrant kämpft darum, seine Familie aber vor allem sein Unternehmen in einem der gefährlichsten Jahre in der Geschichte der Stadt vor Unheil zu schützen.


Der Pate des rechten Weges. Ein standhafter Blick, ein fester Handschlag, deine Versicherung. Nachname: Morales. Verfechter des amerikanischen Traums in seiner reinsten Form: Sauber aber nicht ganz sauber. Das Geschäft der schlechten Entscheidungen und skrupellosen Konsequenzen. A Most Violent Year soll ein nachdrücklicher Appell an Willensstärke und Gewaltfreiheit sein. Das kommt rüber. Viel mehr gestaltet sich der Film jedoch als eine Charakterisierung des amerikanischen Kapitalismus, gezeichnet in einer Vielzahl von Graustufen. Ob tragisch oder hoffnungsvoll, muss jeder für sich beurteilen.

Das Heizöl-Geschäft ist ein umkämpftes Terrain im New York der frühen 80ger Jahre und somit nicht wenig durchtrieben und gefährlich. Doch wer den stetigen Kugelhagel erwartet, befindet sich im falschen Film. Obwohl sich Chandors Werk durchaus an der Optik von 80ger Filmen des Gangster-Genres orientiert (und die Kulisse in umwerfenden Einstellungen photographiert), lebt der Film in erster Linie von den Mono- und Dialogen seiner charismatischen Charaktere und der konstanten Hintergrundspannung der sich langsam entfaltenden, wenngleich merklich konstruierten Handlung.

Chandors Parabel scheut sich in diesen Momenten nicht davor, die Erfolge ihres standhaften aber zwielichtigen Helden zu feiern. Keineswegs nur als glorreichen Triumph des regelkonform verfolgten amerikanischen Traums, sondern gleichwohl als strenge Ermahnung adressiert an Morales’ Widersacher. Eine Warnung an all jene, die Selbstkontrolle und Willensstärke als undankbare Wegbegleiter zu Gunsten von Hinterhältigkeit und Missgunst verstoßen. Und als solche gestaltet sich der Film erfrischend utopisch. Die Botschaft aber kommt an den Stellen ins Wanken, an denen Angst und Verunsicherung als Schwäche verurteilt werden. Bilden diese Emotionen doch allein die Symptome eines systematisch korrupten und fehlerhaften Systems. Diese strukturellen Missstände werden im Vergleich jedoch weniger hinterfragt als akzeptiert. Ist sich der Film dieser Unschärfe bewusst? Vielleicht.

Denn dem aufmerksamen Zuschauer wird der bittere Schuss Zynismus in der Prämisse des Films nicht entgehen: Diese Geschichte würde mit einem saubereren Helden (und Vorbild) nicht funktionieren. A Most Violent Year beschreibt (buchstäblich) die Ehe von Kapitalismus und Verbrechen in einer ertragbar gemäßigten Form als den traurigen Optimalzustand – zumindest der damaligen Zeit. Verkörpert wird dieser Zwiespalt von den unfassbar talentierten Jessica Chastain und Oscar Isaac. Die gemeinsamen Szenen der beiden begeistern durch Schlagfertigkeit, Charisma und einer elektrisierenden Dynamik, auch wenn das Drehbuch ihren Charakteren insgesamt nicht viel Tiefe schenkt. Gerade deshalb ist das vielleicht wichtigste Element des Films von Beginn an zu spüren: Der Bann, in den der Zuschauer auf faszinierende Art und Weise von Oscar Isaac gezogen wird. Er bereichert jede Sekunde des Films, es würde sonst nicht funktionieren.

Das heißt nicht, dass es nicht auch Chandor als Regisseur zu verstehen wüsste, den Zuschauer immer wieder mit beschleunigten Szenen zu bedienen, die aus handwerklicher Sicht durch Kamera und Schnitt mitreißen und überzeugen – sowohl auf narrativer als auch auf metaphorischer Ebene. Die Inszenierung einer Verfolgungsjagd wie ein Kurzfilm, der jeden Charakterzug unseres Protagonisten noch einmal physisch untermalt. Dies sind die benötigten Paukenschläge neben den intensiven aber ruhigen Momenten geschäftlicher und zwischenmenschlicher Verhandlung. Denn genau das ist die Aussage: Ein Plädoyer für Mut zur Entscheidung und gesittete Konfrontation. Sauber – aber nicht ganz sauber.

Wertung:  

Text von Johannes Dahlke


A Most Violent Year
Kinostart: 19.03.2015
Genre: Crime, Drama
Regie: J.C. Chandor
Laufzeit: 125 min.
Verleih: SquareOne Entertainment / Universum Film

 

 

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