Rezension,

Bauernopfer (2014) – Schachbrett vorm Kopf

April 14, 2016

Schach ist nicht nur ein Spiel, sondern auch eine Metapher. Jede Partie erzählt die Geschichte einer Schlacht, in der Soldaten Türme einnehmen, Pferde sich über ihre Feinde hinwegsetzen und schlussendlich ein König gefangen genommen wird. Die abstrakten Figuren mit Bedeutung zu füllen drängt sich geradezu auf, und so versucht sich Edward Zwicks Filmbiographie Bauernopfer – Spiel der Könige daran, die Wirrungen globaler und persönlicher Konflikte in 64 überschaubaren Feldern unterzubringen. Doch während die Großmeister in der Geschichte um die Schachweltmeisterschaft von 1972 mit jedem neuen Spielzug überraschen, reiht der Film so offensichtliche Standardmanöver aneinander, dass der Zuschauer stets schon drei Züge weiter ist.

Im Mittelpunkt des Drehbuchs von Steven Knight (Locke) steht Ausnahmetalent Bobby Fischer (Tobey Maguire), der schon im Kindesalter seine Begeisterung für das Spiel der Könige entdeckt. Auf Augenhöhe folgt ihm die Kamera durch ein Labyrinth aus Partygästen in der Wohnung seiner Bohème-Mutter Regina (Robin Weigert). In der Menschenmenge wirkt der Junge verloren und isoliert, die Welt wird ihm immer ein Irrgarten bleiben. Auf seinen Wunsch nach Ruhe reagiert von den Feiernden keiner, am wenigsten die distanzierte Erziehungsberechtigte, die ihre Partys als Revolutionären Akt begreift. Aus diesen freudlosen Verhältnissen flüchtet Bobby in die beherrschbare Welt der Figuren, nur um später festzustellen, dass auch diese zum Kaninchenbau werden kann.

© StudioCanal Deutschland

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Und damit ist der Protagonist für Zwick leider schon auserzählt, mehr Charakter als die Figuren aus Holz bekommen auch jene aus Fleisch und Blut leider nie. Der Regisseur stattet Fischer mit einer einfachen Psychologie aus, mit geradlinigen Kausalitäten. Den Hass auf die Mutter und ihre umstürzlerischen Phantasien projiziert er auf die geistige Heimat der amerikanischen Linken, die Sowjetunion. Um seine Genialität und die intellektuelle Übermacht der USA zu demonstrieren, will er die Sowjet-Großmeister in die Knie zwingen, allen voran den amtierenden Champion Boris Spasski (Liev Schreiber.)

Nach der bekannten Biopic-Formel rauschen im Hintergrund der dünnen Handlung Namen und Ereignisse der Zeitgeschichte vorbei: Breschnew, Nixon, Vietnam, Watergate, und so weiter. Immer wieder übernehmen (oft nachgestellte) Archivaufnahmen das Bild, als würde Zwick selbst nicht so recht an die Überzeugungskraft seiner Siebziger-Jahre-Ästhetik glauben. Durch endlose Montagen zu Musik (zu schon übermäßig oft gebrauchten Songs von Al Green oder Creedence Clearwater Revival), als Nachrichtensendung getarnten Voiceovers und permanenten Texteinblendung erinnert das Ergebnis dann schnell an eine Verfilmung von Billy Joels We Didn’t Start the Fire. Alles wird aufgezählt, aber nie behandelt. Das gilt leider auch für die theoretisch sicherlich interessanten Fragen, die sich aus der Geschichte ergeben.

Fischer hatte ganz offensichtlich psychologische Probleme. Maguire drückt diese vor allem körperlich aus, mit Augenringen und zur Schau getragenen Hautunreinheiten. Die Bildsprache bemüht dabei die üblichen Indikatoren für geistige Verwirrung: Spielerein mit der Tiefenschärfe, schnelle Schnitte, Ultranahaufnahmen. Wenn Fischer sein Inneres nach außen kehrt, streckt er sein Gesicht und zieht es wieder in sich zusammen, wie ein Akkordeon, dazu dröhnt ein Tinnitus-Geräusch auf der Tonspur. Zwei Wegbegleiter folgen ihm, wie Engel und Teufel auf der Schulter, und diskutieren seinen Zustand: Priester William Lombardy (Peter Sarsgaard) und Anwalt Paul Marshall (Michael Stuhlbarg) verhandeln, ob er an seiner Obsession zerbricht. Seine Schwester Joan (Lily Rabe, wie alle anderen Frauenfiguren vom Film weitestgehend ignoriert) macht sich Sorgen und schlägt eine Behandlung vor. Es ist die bekannte Frage nach der schmalen Grenze zwischen Genie und Wahnsinn. Die Frage, ob nicht jede Brillanz von außen wie Wahnsinn aussieht. Nur: Über das reine Benennen kommt diese Thematik nie hinaus. Sicher, man könnte die wachsende Paranoia des auch als kalten Kriegers charakterisierten Fischers als Ausdruck einer nationalen Psychose sehen. Auch, dass er hinter dem sonnenbebrillten Pokerface von Spasski später sein Spiegelbild entdeckt, würde das nahelegen. Doch auch wenn die Namen Zwick und Zweig wenig trennt, ist der Film keine Schachnovelle. Nicht Fischer, sondern das Drama selbst erinnert an den grobschlächtigen Bauerntrampel Mirko Czentovic.

© StudioCanal Deutschland

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Doch nicht einmal dessen monomanische Fixierung auf das Spiel kann der Film vorweisen: Wie üblich bei misslungenen Biopics ist eine tiefe Gleichgültigkeit für das zu spüren, was den zentralen Akteur eigentlich berühmt gemacht hat. Die Schachpartien werden meist übersprungen. Erbarmt sich Zwick doch einmal, zerfallen sie schnell in einige Nahaufnahmen angespannter Gesichter, aufgeregte Kommentare aus dem Publikum und die sich schier vor Dramatik überstürzende Musik von James Newton Howard. Permanent werden ungeheure Bedeutungsschwere und Fallhöhe behauptet, die der Film weder belegen, noch selbst erzeugen kann. Auch wenn ein Fernsehansager den als „Match des Jahrhunderts“ geltenden Titanenkampf mit einem „Schwergewichtsboxkampf über fünfzehn Runden“ vergleicht, verkommt er durch Zwicks formale Unzulänglichkeiten zu einem unerheblichen Sparringskampf. Unter Armlosen.

So ist Bauernopfer leider wenig mehr als ein missglückter Hybrid aus Rocky IV ohne Physis und A Beautiful Mind ohne Geist. (Beziehungsweise mit noch weniger Geist.) Vieles geschieht nur, weil es andere Filme dieser Art auch schon so gemacht haben. So wird etwa ein späterer Abschnitt an den Anfang gesetzt, ohne jegliche dramaturgische Logik. Spannungs- und ideenlos vergeht Szene um Szene, bis schlussendlich alles in einer Nicht-Klimax kulminiert, auf den schon ein desinteressiertes Schulterzucken eine übertriebene Reaktion wäre. Anschließend wird über Texteinblendungen Fischers Leben bis zu seinem Tod im Jahr 2008 erzählt. Ein bisschen Mitleid hat man sicher, aber immerhin blieb dem gefallenen Genius Zwicks dröges Porträt erspart.

Text von Lucas Barwenczik


Bauernopfer – Spiel der Könige
Kinostart: 28.04.2016
Genre: Drama, Filmbiographie
Regie: Edward Zwick
Laufzeit: 115 min.
Verleih: StudioCanal Deutschland

1 Kommentar

  1. PandaVegetto sagt:

    ♪♪ Einstein, James Dean, Brooklyn’s got a winning team ♪♪

    Breschnew, Nixon, Vietnam und Watergate hatte ich auch als Aufzählung in meiner Kritik, ist das ein Bingo?! ^^
    Ansonsten volle Zustimmung.

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