Rezension,

Café Belgica (2016) – In Gent steppt der Bär

Mai 17, 2016

Die Brüder Canoot haben auf den ersten Blick nur wenig gemeinsam: Jo (Stef Aerts) ist ein besonnenes Kerlchen, in der Statur etwas schmächtig und mit einem kaputten Augenlid gesegnet. Frank (Tom Vermeir) hingegen ist ein Draufgänger, impulsiv und laut. Er ist gelangweilt vom Familienleben mit Frau und Kind auf dem Land. Da kommt es ihm gerade Recht, dass Jo ein altes Café aufgekauft hat. Aus der Spelunke soll schon bald der Place-to-be für alle Genter Partypeople werden.

Doch mit steigender Besucherzahl wachsen auch die Probleme. Ob randalierende Gäste oder Bestechung des Ordnungsbeamten, für Frank findet sich immer irgendwie eine Lösung – wenn nötig auch mit Gewalt. Den Brüdern bekommt der Erfolg und das Geld nicht:  Schon bald finden sie sich in einer Abwärtsspirale aus Drogen, Alkohol und schnellem Sex wieder.  Was sie einst vereinte, steht nun wie ein Keil zwischen ihnen und treibt sie immer weiter auseinander.

Es geht laut zu im Belgica, der Arche Noah für Feierwütige jeder Art. Ein buntes Treiben, bei dem auch schon mal das ein oder andere Glas zu Bruch geht. Felix van Groeningen entführt uns in eine Welt inmitten von Club-Ekstase und Kneipenflair. Eine Welt, die äußerst authentisch daherkommt, was nicht zuletzt auch der Jugend des Regisseurs geschuldet ist. Sein Vater war elf Jahre lang Besitzer einer Bar in Gent, wo der Sprössling zeitweise auch hinter der Theke stand.

Einmal im Rausch angekommen, entpuppt sich Café Belgica als ein Fest für die Sinne. Stilvolle, in Blau- und Rottönen getauchte Bilder fangen das Gefühl einer scheinbar endlosen Partynacht gekonnt ein, während wir Jo und Frank in Nahaufnahmen durch das nächtliche Getümmel folgen. Die Bar entwickelt schon bald ihren ganz eigenen Mikrokosmos, dem man sich nur schwer entziehen kann.

© Pandora Filmverleih

© Pandora Filmverleih

Die heimlichen Stars des Geschehen sind allerdings zwei ganz andere Brüder. Stephan und David Dewaele – besser bekannt als das belgische Indie-Rock Duo Soulwax – sorgen für den entsprechenden Score. Der besondere Clou dabei: Soulwax erfanden 15 fiktive Bands passend zur Handlung des Films. Von Rock, über Pop, bis hin zum Reggae – jeder der Acts kommt mit seiner ganz eigenen Single und trägt zu einem unvergleichlich erfrischenden und abwechslungsreichen Soundtrack bei, der selbst die verschiedensten Stimmungslagen perfekt unterstreicht.

Der Alkohol fliest literweise, es wird gekokst als gäbe es keinen Morgen und auch mit Sex wird nicht gegeizt. Doch jede Nacht findet irgendwann ihr Ende, das schlimme Erwachen folgt dann meist am verkaterten Morgen danach. Und auch der Zuschauer bleibt davon nicht erspart, wenn ihm klar wird, dass es dem Film abseits der energetischen Partyszenen außerordentlich an Tiefe fehlt. Auch wenn es Café Belgica gelingt, mit Tom Vermein und Stefan Aerts ein ungemein dynamisches Duo auf der Leinwand zu versammeln, so ist die Story doch zu dünn, um etwas mehr als 120 Minuten ausreichend zu füllen.

Das Café dient dem Regisseur als prägnante Metapher für sein Land, in dem ebenfalls in den letzten Jahren einiges aus dem Ruder gelaufen ist. Ob Migrationspolitik oder Regulierung des Finanzwesens, viele problematische Themen finden hier Erwähnung und auch Frank selbst findet gegen Ende des Films sehr klare Worte über den Zustand Belgiens.

Visuell fesselnd erzählt Felix van Groeningen von zwei Brüdern, deren überbordender Hedonismus sie immer tiefer in den Abgrund stürzen lässt. Café Belgica fällt es teilweise schwer, zwischen Euphorie und Ernüchterung den richtigen Rhythmus zu finden. Dank authentischer Club-Atmosphäre und nicht zuletzt des grandiosen Soundtracks bietet der Film zumindest auf audiovisueller Ebene ein rundum gelungenes Erlebnis.

Wertung:

Text von Lukas Markert.


Café Belgica
Kinostart: 23.06.2016
Genre: Drama
Regie: Felix van Groeningen
Laufzeit: 127 min.
Verleih: Pandora Film Verleih

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