Rezension,

Blau ist eine warme Farbe (2014)

Juni 04, 2014

Adèles Leben ändert sich, als sie Emma trifft, eine junge Frau mit blauem Haar, die es Adèle erlaubt, wahre Lust und Sehnsucht zu entdecken und Adèles Entwicklung vom Mädchen zur Frau mehr und mehr beeinflusst.


‚Blau ist eine warme Farbe‘ ist ein intimer Film, der sich dem Charme seiner Hauptdarsteller uneingeschränkt ausliefert und unglaublich viel Zeit auf ihren Gesichtern in Nahaufnahmen verbringt. Wer also das junge und facettenreich präsentierte Gesicht von Adèle Exarchopoulos nicht einmal ansatzweise mystisch, interessant oder zumindest süß findet, wird diesen Film wohl vorzeitig beenden. Derjenige solche würde dafür von passionierten Liebhabern des ‚Coming-of-Age‘ Genres (zu Deutsch: Erwachsen werden) wohl stark bemitleidet werden, entginge ihm doch diese visuell perfekt erzählte Geschichte über Sexualität und Liebe, die mit ihrer ausgesprochen rohen und authentischen Darstellung dieser intensiven Gefühle mit kaum einem anderen Film verglichen werden kann – obwohl sich an dieser Thematik schon so viele Filme versuchten. Dass es sich um eine Liebe zwischen zwei Frauen handelt, scheint dabei schon fast zur Nebensache zu geraten. Auch wenn sich in Amerika kleingeistige Konservative über die Darstellung dieser gleichgeschlechtlichen Liebe echauffieren, ist dies kein politischer Film, sondern einfach ein Film über eine leidenschaftliche Liebe – und zudem ein Film, der nicht annähernd so schmalzig und clichébehaftet daherkommt, wie diese Themen mittlerweile als Resultat zahlreicher Hollywood-Schnulzen wohl klingen mögen.

„Es war eine kontrollierte Freiheit. Er [Abdellatif Kechiche] ließ uns den Freiraum für unsere Improvisationen. […] Ich glaube, ich habe das Skript vielleicht einmal gelesen, danach sagte er mir, dass ich es jetzt kennen würde und vergessen soll, um unterbewusst zu handeln und spielen. […] Er wollte den Moment, in dem man sich in dem Charakter komplett verliert“, so Adèle Exarchopoulos über den Regisseur Abdellatif Kechiche und die Arbeitweise am Set von ‚Blau ist eine warme Farbe‘.

Es ist Adèles erste wirkliche Liebe und die erste Liebe, so wissen die meisten, hinterlässt für gewöhnlich Spuren im Geiste eines jeden jungen und aufblühenden Menschen. Adèle ist zudem ein leidenschaftlicher Charakter. Regisseur Abdellatif Kechiche bemüht sich, diese Tatsache klarzustellen. Er zeigt jede Bewegung, jede Aktion und Reaktion seiner Protagonistin. Wie sie arbeitet und sich engagiert, wie sie lernt, wie sie isst, wie sie phantasiert, wie sie sich streitet, wie sie schläft, wie sie trauert und leidet, wie sie liebt und wie sie körperlich liebt – jede dieser Aktionen wird von dem Charakter Adèle mit äußerster Leidenschaft bedacht, von der Schauspielerin Adèle leidenschaftlich echt gespielt und von Kechiches Kamera gleichermaßen nah und roh eingefangen. Diese jungen Leidenschaften könnten so manchen Zuschauer bis zum Abspann wohl in ein tiefes nostalgisches Loch schubsen, wären dort nicht die faszinierenden Charaktere und Schauspielerinnen, die den Zuschauer in ihren Bann ziehen und eigene alte Gefühle und Erinnerungen wirklich bis nach dem Abspann in weite Ferne schieben.

Zu einer Liebesgeschichte gehören diesbezüglich üblicher Weise stets zwei Personen und obwohl der Fokus des Films klar auf Adèles Gefühlen und ihrer Entwicklung liegt, ist es Emma (gespielt von Léa Seydoux), der bei dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle zukommt. Während Adèle eher als jung und unerfahren beschrieben werden kann – besonders bezüglich ihrer neu entdeckten sexuellen Vorlieben – entführt Emma sie als etwas ältere und erwachsenere Person und viel erfahrenere Lesbe in eine neue, aufregendere und ultimativ erfüllendere Welt. Es geht dabei vor allem um die Dynamik der beiden Charaktere, wie sie aufeinander wirken und sich miteinander entwickeln – ob positiv oder negativ. Léa Seydoux legt dabei ein ebenso beeindruckendes schauspielerisches Talent an den Tag wie Exarchopoulos und hält gut die Balance zwischen der normbrechenden Rebellin und erwachsenen, ja fast elitären Emma – der talentierten Kunststudentin aus gutem Hause.

Die Chemie zwischen den beiden (heterosexuellen) Schauspielerinnen wirkt vollkommen authentisch, echt und sexuell geladen. Szenen jeglicher Art zwischen den beiden strotzen vor intimer Dynamik und herauskommen emotional rohe Leistungen, wie man sie selten in einem Film zu beobachten vermag und bei denen man nicht anders kann, als mitzufühlen. In einem Interview des Youtube-Kanals DP/30 spricht Adèle Exarchopoulos über das Filmen einer bestimmten Szene gegen Ende der Dreharbeiten und allgemein über die Zusammenarbeit mit Schauspielerin Léa Seydoux:

„In dem Moment musst du alles vergessen und einfach nur deinen Partner betrachten. Wir haben 6 Monate miteinander verbracht. Nackt, weinend und schreiend. Als ich sie [Léa Seydoux] dann angeschaut habe, war sie so besessen von der Szene – das hat mich beeindruckt und motiviert. […] Es ist schwer zu beschreiben, wie wir zusammengearbeitet haben, aber wir haben alle unseren Teil zu den Charakteren beigetragen. Sie lässt mich vieles über meinen Charakter verstehen, wir teilen unsere Ideen und dann spielen wir es einfach immer und immer wieder durch.“

Die Kunst des improvisierten Dramas – gemeistert von Abdellatif Kechiche. Dem Regisseur gelingt es mit seinen Aufnahmen ein Höchstmaß an Intimität und Authentizität zu schaffen und das mit seiner ganz eigenen Arbeitsweise, die im Nachhinein durchaus kontrovers von seinen Hauptdarstellerinnen kommentiert wurde. Als „hart“ aber „genial“ und „erfüllend“ aber „anstrengend“ wurde sie betitelt und war wohl einer der Gründe, weshalb Regisseur Kechiche und Hauptdarstellerin Seydoux nach der Promo-Tour des Films nicht in den harmonischsten Verhältnissen verblieben. So oder so lässt sich die Effektivität seiner Arbeitsweise nach Betrachtung des Werkes nicht leugnen, aber was genau differenziert diese? In vielen Interviews spricht Kechiche über seinen freien Umgang mit dem kreativen Prozess und Dingen, wie dem Drehbuch und Schnitt. Zwar sei die verbale Exposition für manche Szenen unerlässlich, oftmals setze er aber auf Improvisation, wobei nur die emotionalen und handlungstechnischen Ziele einer Szene festgelegt werden und der Weg dorthin ganz unterschiedlich aussehen könne.

Dass es nicht einfach gewesen sein muss, diese authentischen Momente durch Improvisation zu kreieren, zeigt die Drehzeit von 6 Monaten, was für ein dialogbasiertes Indie-Filmchen mit geringen Budget einen sehr langen Zeitraum darstellt. Die Hauptdarstellerinnen sprachen in diversen Interviews in diesem Zusammenhang von tagelangen Drehzeiten für nur eine einzige Szene und Kechiche verriet, einige Szenen bis zur Perfektion mehrmals gedreht zu haben, um die Chemie der beiden Darstellerinnen zu verbessern, obwohl er bereits nach einigen Versuchen wusste, dass es diese Szenen nicht in den endgültigen Film schaffen würden. Repetition und Ausdauer also zwei weitere Eigenschaften des perfektionistischen Regisseurs, für die in einem starbesetzten Hollywood-Drama aus Zeit- und Budgetgründen in den meisten Fällen kein Platz ist. Vielen Szenen merkt man dies positiv an, Dialoge und Reaktionen wirken wie aus dem Leben gegriffen und teilweise so echt, dass man als Zuschauer wohl an dem Versuch scheitern würde, besagtes normiertes Hollywood-Drama direkt im Anschluss an diesen Film genussvoll zu konsumieren.

Kechiche trägt zu diesen Momenten aber nicht nur durch die Leitung der Schauspieler bei. Unkonventioneller Weise bemühte er sich auch, seine Hauptdarstellerinnen heimlich zu filmen, beispielsweise im Schlaf aber auch in zwischenmenschlichen Begegnungen. Diese Herangehensweise führte letztendlich zu einem kuriosen Problem: Zwar wurde der Name der Protagonistin im Film („Clémentine„) zunächst dem französischen Comic ‚Le blue est une colour chaude‘ entnommen, welcher als kreative Vorlage für diesen Film diente, jedoch sprachen die meisten Darsteller Schauspielerin Adèle Exarchopoulos in Situationen zwischen den Aufnahmen natürlich mit ihrem eigenen Vornamen Adèle an, sich der heimlich filmenden Kameras Kechiches nicht bewusst. Somit musste aus Clémentine schließlich Adèle werden, um diese Szenen später verwenden zu können. Dass es all diese Szenen letztendlich wirklich in den finalen Schnitt geschafft haben, ist jedoch unwahrscheinlich, da der ca. dreistündige Film wohl gerade einmal aus ungefähr 10% des insgesamt gefilmten Materials bestehen soll.

„In meinem ersten Film blieb ich sehr nah am geschriebenen Drehbuch aber ich verspürte das Verlangen, mich davon zu befreien. Das hier ist erst mein fünfter Film aber mit jedem meiner Filme lernte ich dann mehr und mehr dem Loslassen des Drehbuchs zu vertrauen, um die Kreativität in den gesamten Entstehungsprozess des Films einzubinden. Das steht aber in gewisser Weise im Gegensatz zu dem Wesen der Produktion eines Films. Die Produktion verlangt zu wissen, an welchen Tagen du was drehen willst, was die Schauspielerinnen tragen werden, wie viel es kostet, wie lang die Spieldauer des Films sein wird. All diese Dinge die geplant werden müssen, aber im Gegensatz zu dem natürlichen Gefühl stehen, der Kreativität zu folgen und von dort zu schauen, wo es hingeht. Das ist der Grund warum ich zu Filmen mit kleinerem Budget zurückgekehrt bin, wo diese Freiräume einfach eher vorhanden sind, das ist die Art von Film, die ich machen möchte. Wobei das keine Kritik an dieser anderen Art großer Filme sein soll, es gibt viele solcher Filme, die ich bewundere aber es ist eben nicht meine Art, Filme zu machen“, so Abdellatif Kechiche im Interview mit DP/30.

All diese Momente zeigen sich auf der Leinwand untermalt durch natürliche Belichtung und allgemein werden jegliche handwerklichen Aspekte wie Szenenbild und Motive, sowie Kostüm und Make-Up gekonnt und (mal mehr, mal weniger) subtil eingesetzt, um die Entwicklung Adèles optisch zu begleiten. Die Kameraführung sticht besonders heraus, denn die Perspektive der Kamera mäandert dabei irgendwo zwischen den leidenschaftlichen Blicken, die sich die beiden Liebhaberinnen einander zuwerfen und einem prozeduralen und distanzierten Blick auf die Entwicklungen einer Liebesbeziehung, wenngleich das Bild immer nah an Charakteren verweilt und jegliche Regungen in Mimik und Gestik charakterfördernd einfängt. Letztendlich wirkt die Kamera dabei oft wie der, im Film nicht vorhandene, eifersüchtige beste Freund Adèles, dem durch einen übernatürlichen Zufall unerwartet der Gottesblick auf all die Geschehnisse in Adèles Leben in den Schoß gefallen ist. Irgendwie liebevoll und verliebt, unfassbar aufmerksam aber auch unnachgiebig, ganz nah und explorativ und manchmal zu nah.

Nämlich dann, wenn sich die sexuelle Spannung zwischen den Charakteren in ausgiebigen Sexszenen entlädt, die in ihrer Länge, Freizügig- und Schamlosigkeit sicherlich vor allem in Amerika Tabus brechen. Doch so unangenehm nah und intim diese Aufnahmen sind, sind sie ehrlicher Weise auch erotisch, entbehren nicht einer gewissen Schönheit und verfehlen sicherlich auch nicht ihren Zweck. Wie zuvor beschrieben, dient dieser Blick einem klaren artistischen Ziel und ist nicht zuletzt für die Einzigartigkeit dieses Films verantwortlich, alle Gefühle und daraus resultierenden Handlungen zweier Liebenden in gleicher Ausführlichkeit und mit gleichermaßen großer Leidenschaft darzustellen. Die Argumentation, dass dieser Film ein Softporno sei, weil in einer dreistündigen Liebesgeschichte auch 15 Minuten für ausgiebigen und charakter- und handlungsrelevanten Sex entfallen, erschließt sich mir nicht ganz. Wen die Nacktheit stört, dem sei gesagt, dass die Schauspielerinnen in diesen Szenen abdeckende Vaginal-Prothesen trugen, was jene Leute sehr wahrscheinlich zwar nicht beruhigend wird aber diesen Artikel nun bezüglich der Stichwortsuche bei Google deutlich weiter nach vorne schießen dürfte – im Film selbst fallen sie natürlich nicht auf.

Obwohl der Film alles in allem zu begeistern weiß, sei auch eine negative Anmerkung erlaubt. Zu Beginn, in der Mitte und gegen Ende des Films brechen drei Szenen mit der authentischen und natürlichen Dialogform. In diesen Szenen werden philosophische Grundsätze über Lebensweisen und die unterschiedlichen Auffassungen von Frauen und Männern besprochen. Obwohl diese Szenen zu Beginn und in der Mitte des Films einem sinnvollen Zweck dienen und in einem authentischen Zusammenhang geäußert werden, so hat man doch gelegentlich und besonders gegen Ende des Films das Gefühl, in den Philosophie Nachhilfeunterricht des Regisseurs gezerrt worden zu sein. Alles in allem aber ein kleines Manko zum vergessen.

Die Bewertung des Films in einem Satz mit vielen Kommata? Kechiche nimmt eine simple und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, übliche Liebesgeschichte und verwandelt sie durch Kamera, hervorragendes Schauspiel und freien Umgang im kreativen Prozess zu einem emotionalen Meisterwerk, bei dem alle Aspekte zusammen kommen und welches in dieser Form ein weiteres Mal wohl noch lange auf sich warten lassen wird.

Wertung: 

Text von Johannes Dahlke


 

Blau ist eine warme Farbe
Kinostart: 19.12.2013
Genre: Drama
Regie: Abdellatif Kechiche
Laufzeit: 177 min.
Verleih: Alamode Filmverleih

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