Rezension,

Ex Machina (2015) – Wer Salami ich?!

April 26, 2015

Ein junger Programmierer wird scheinbar zufällig für ein bahnbrechendes Experiment seiner Firma ausgewählt. Eine Woche lang soll er die künstliche Intelligenz eines weiblichen Androids anhand ihrer menschlichen Qualitäten beurteilen.


[09:17:00] <turingtest> Wer Salami ich?!
[09:17:18] <turing1> was willst du mir damit sagen?
[09:17:34] <turingtest> sag du es mir!
[09:18:34] <turing1> ich weiss es nicht.
[09:18:46] <turingtest> Ich heisse Alan
[09:19:18] <turing1> schoen du heisst also Alan. wolltest du mir das damit sagen?
[09:19:35] <turingtest> Das wollte ich

Welcher der beiden Chatter ist menschlich? Und was macht ihn menschlicher als seinen Gegenüber? Wer glaubt, den Chatbot (die künstliche Intelligenz) in dem oben aufgeführten Auszug erkannt zu haben, dem sei gesagt, dass es sich dabei um die Vergleichskonversation in einem Turing-Test handelt, die zwischen zwei (oder mehreren) Menschen stattfindet und nicht zwischen Mensch und Computer. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass uns die Suche und Sucht nach technologischem Fortschritt selbst manchmal zu Maschinen werden lässt, die nicht mehr recht funktionieren mögen.

In Ex Machina finden wir diese ungezügelte Schöpfungsgier in Oscar Isaacs Charakter wieder. Nathan, seines Zeichens Programmier-Genie und Erfinder der Suchmaschine Bluebook, die ihn zu einem Multimilliardär machte und die Chance ermöglichte, die Menschheit einen Schritt näher an das „Next Big Thing“ zu führen: Eine perfekte künstliche Intelligenz, scheinbar von einem Menschen nicht zu unterscheiden. Mitspracherecht hat die Welt dabei keines. Wozu auch? Liest Nathan der Welt doch jeden Wunsch von den Lippen – respektive Suchanfragen – ab. Doch auch an ihm geht der Gotteskomplex nicht spurlos vorbei. Sit-Ups und Hanteln am Morgen, Alkoholeskapaden bei Nacht. Eine Ambivalenz, wie sie ein Computer wohl niemals verkörpern könnte – aber vielleicht simulieren. Nathan stellt eine von drei Hauptfiguren in dem Mindgame von Kammerspiel dar, als das dieser minimalistische Film daherkommt. Die anderen beiden?

Er, Caleb: 26, Rotschopf. Single, wie sie auf Nachfrage erfährt. Sie, Ava: Ebenfalls Single, 1, Roboter. Warum eigentlich nicht? Die Historie hätte schon ungleichere Paare zusammengebracht. Sie scheint neugierig, er perplex aber nicht uninteressiert. Bis auf das Äußerliche scheinen die beiden nicht besonders ungleich. Die Befragung entwickelt sich zur Unterhaltung, sie macht eine ironische Bemerkung. Kann das sein? Vielleicht würden sie sogar ganz gut zueinander passen – unter anderen Umständen, so denkt er. Aber seine Sicht ist getrübt, durch all die Reize und Wirkungsweisen, die einen Menschen unterbewusst beeinflussen. Ihre Sicht – wohl eher ein unendliches Puzzle aus nüchternen Informationen, erfassten Mikroexpressionen, Variablen und Zahlen.

Doch Caleb erkennt ihrerseits Emotionen. Ist ihr Blick klarer als seiner oder ist es umgekehrt? Es ist ungewiss. Regisseur und Autor Alex Garland versucht, ihre Perspektive in Bildeinstellungen von Überwachungs- oder Handykameras zu spiegeln. Es ist der Blick aus der Maschine heraus aber letztlich kann auch Garland nur erahnen, wie die Welt für sie aussehen könnte. Sicher ist nur, dass hinter den trivialen Gesprächen, hinter den Verhaltensweisen von Caleb (Domhnall Gleeson) und Ava (Alicia Vikander) fundamental verschiedene Systeme stecken, auch wenn sie nach dem selben Vorbild entworfen wurden. Das wirft eine Menge Fragen auf, doch letztlich bleibt nur die eine: Ist dieser Unterschied so wichtig?

Der Film beginnt angenehm abrupt. Es gibt keine Vorgeschichte, keinen Prolog. Die Charaktere sollen schnellst möglich miteinander konfrontiert werden. Doch dafür, dass der Film zu Beginn so wenig Exposition liefert,  beruht er später umso mehr auf Plotwendungen, die nicht wenig konstruiert wirken. Letztlich funktioniert das Ende als reiner Thriller recht gut. Doch auch wenn diese Elemente den Film in gutem Tempo Richtung Ende leiten, entbehren sie auch nicht einiger logischen Ungereimtheiten. Nicht nur Plotwendungen, auch Charakterbögen wirken dann etwas gehetzt, nicht ganz nachvollziehbar. Die ein oder andere Charakterseite bleibt deshalb blass, wenngleich alle Figuren von den drei Schauspielern durchweg solide dargestellt werden.

Ex Machina beschäftigt sich im Kern mit dem Umgang von Mensch und Maschine und rahmt diese Thematik in eine Schöpfungsgeschichte irgendwo zwischen Uto- und Dystopie. Immer wieder zieht Garland den Vergleich zwischen den Schöpfungen Nathans im Inneren der futuristisch sterilen Forschungseinrichtung und der monumentalen Schönheit der unberührten Natur Alaskas. Er wirft damit einige philosophische Fragen auf, geht mit vielerlei Thematiken sehr offen um. Menschlichkeit, Empathie, Sex, Kommunikation, Sucht, Technologie und Feminismus. Alles wenig subtil aber oftmals charmant, spielerisch und ohne Umschweife. Basierend auf einem Drehbuch, das das Augenmerk auf die Interaktionen und Gespräche der drei Charaktere setzt und diese in einem simplen und ansprechenden Sci-Fi Setting erdet. Es macht durchaus Spaß, den Diskussionen zu folgen, sich selbst diese Fragen zu stellen, doch letztlich ist der Film nicht wirklich dazu in der Lage, zu vielen dieser Fragen klar Stellung zu beziehen. Andere wenige werden dafür gegen Ende recht deutlich beantwortet.

Natürlich ist Alex Garlands Regiedebut nicht perfekt, in gewisser Weise ist es menschlich. Doch gerade in einem Genre wie der philosophischen, charakterbezogenen Science-Fiction gestaltet es sich unheimlich schwer, die genannten Problemfelder zu umgehen. Ex Machina bietet eine Menge philosophischer Anregungen, der Film ist unterhaltsam und präsentiert eine in sich geschlossene Geschichte in einem gut geführten Tempo. Besonders in einer Zeit des stumpfen Superhelden-Kinos ist Ex Machina ein Film, den man mit offenen Armen begrüßen sollte. Andernfalls droht uns womöglich die Gefahr, im Kinosessel selbst zum Bot zu werden.

Wertung: 

 


Ex Machina
Kinostart: 23.o4.2015
Genre: Sci-Fi
Regie: Alex Garland
Laufzeit: 108 min.
Verleih: Universal Pictures Germany

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