Rezension,

Gayby Baby (2015) – Filmkritik

Juni 17, 2016

Was Kinder von ihren Eltern erben, geht weit über die reine Genetik hinaus. Der australische Dokumentarfilm Gayby Baby von Maya Newell begleitet ein halbes Jahr lang vier Kinder, die mit gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen. Dabei wird vor allem deutlich, wie die Gesellschaft um sie herum auch ihnen den Außenseiterstatus und die Lasten ihrer Eltern aufbürdet. Ihr Leben ist gleichzeitig Politikum und gewöhnliche Kindheit, vereint strahlende Symbolkraft und banalen Alltag. Dieses Spannungsfeld bildet auch Newell mit ihrem Film ab, der etwas unsicher zwischen der „reinen Darstellung“ und der Interpretation des Dokumentierten schwankt.

Der Film beginnt mit einer aussagekräftigen Titelsequenz: Langsam fährt die Kamera über Familienporträts im Wandel der Zeit, beginnend bei kontrastreichem Schwarz-Weiß, über gelbgrün verwaschenes Polaroid bis hin zur modernen Digitalfotografie. Und genau wie sich Mode und Technologie weiterentwickeln, wird auch ein gesellschaftlicher Fortschritt angedeutet: Die kurze Montage endet auf dem Bild eines lesbischen Paars. Im Hintergrund werden dazu Aussagen konservativer Politiker eingespielt, die Tradition und klassische Familienbilder predigen, aber als körperlose Stimmen gegen die Kamerabewegung machtlos sind und spürbar auf der falschen Seite der Geschichte stehen. Schon dieser erste Gedanke ist interessant: Die Entwicklung der Familie wird mit der Kameratechnik verwoben, also mit den Instrumenten des Sichtbarmachens, welche Augenblicke einfangen und ewig machen, aber auch zur Vergangenheit erklären. Die Bilder hasten durch die Zeit und beseitigen die Unsichtbarkeit.

Das ist wohl das zentrale Anliegen des Films: Eine unkommentierte Präsenz schaffen, die eigentlich widersprüchliches vereint, eine Normalität des Besonderen. Für den elfjährigen Gus ist es normal zwei Mütter zu haben und einen „Spender“ an Stelle eines Vaters; in der In-vitro-Fertilisation laufen gesellschaftliche und wissenschaftliche Entwicklungen zusammen. Er kann den Prozess erklären, hält ihn aber nicht für weiter relevant, zumindest nicht für so bedeutsam wie beispielsweise Wrestling. Anhand des Muskel-Spektakels erzählt Newell von den Männlichkeitsbildern, die gesellschaftlich und durch seine Eltern an Gus herangetragen werden. Die Mütter sorgen sich um seine Schwester und vertreten die nachvollziehbare Ansicht, dass Piledriver und Dropkicks für eine Vierjährige schädlich sein könnten. Mehr noch stören sie sich jedoch an den gewalttätigen Allmachtsfantasien, die der Sport vorlebt. Auf die Feststellung, dass Demokratie und Zusammenarbeit nicht unbedingt fester Bestandteil des Vokabulars von Undertaker und Co. sind, erwidert Gus: „Was ist mit Tag Team Matches? Die sind Freunde!“ Touché.

© Rise and Shine Cinema

© Rise and Shine Cinema

Mit großer Präzision hat Newell für ihren Film Kinder ausgewählt, welche in ihren Lebensumständen bestimmte Themenfelder und Konfliktlinien abbilden. Matt etwa ist zwölf Jahre alt und seine Mutter ist überzeugte Christin. Während sie weiterhin an einer Institution hängt, die ihren Lebenswandeln in Wort und Tat verdammt, zweifelt Matt durch diesen Zwiespalt nicht nur an der Kirche, sondern sogar an seinem Glauben selbst. Er bevorzugt zunehmend den Fußballplatz gegenüber dem Gotteshaus, in dem seine Mutter der Sünde gegen Gott bezichtigt wird.

Die zwölfjährige Ebony will Sängerin werden, ein Vorsingen dient als natürlicher Höhepunkt in einem Film, der nicht unbedingt überladen ist mit Spannungsmomenten.

Grahams Eltern müssen aus beruflichen Gründen nach Fiji ziehen, wo die Menschen (Zitat Grahams Vater) „nicht so scharf auf Schwule“ sind. Anhand ihrer Umstände wird deutlich, wie unterschiedlich die Herangehensweise an grundsätzliche Moralfragen in solchen Situationen sein kann. Darf – oder muss? – Graham seine neuen Mitschüler belügen? Allein durch seine Familie gerät er in eine absurde Komplizenschaft. Wenn er sich in einem kurzen Text seinen Mitschülern vorstellt, ist seinem Vater die Anspannung deutlich anzusehen. Diese sicherlich auch im Regelfall pulsbeschleunigende Situation bekommt Thriller-Qualitäten. Elternsprechtage werden Verhöre, Fragen wie „Wo sind seine Eltern?“ und die spätere Ergänzung „Seine echten Eltern!“ wirken vorwurfsvoll und bohrend, obwohl die Lehrerin sie ohne jede Anklage vorbringt.

Alle vier Protagonisten sind nahbar, sympathisch und intelligent, ohne perfekt zu sein. Matt ist geradezu unverschämt eloquent und reflektiert für sein Alter. In Ebony verliebt man sich spätestens wenn sie voller Stolz verkündet, jedem in den Hintern zu treten, der etwas gegen sie oder ihre Eltern sagt. Und wenn Gus ausführt, wieso der Zwang zur Orchester-AG natürlich eine unerträgliche Grausamkeit darstellt („Ich werde taub durch die Musik und dann von einem Auto überfahren, weil ich nichts mehr hören kann!“), erkennt man Potential für eine Komiker-Kariere.

© Rise and Shine Cinema

© Rise and Shine Cinema

Leider geht mit dieser Bewunderung für die Kinder auch eine etwas unangenehme Emotionalisierung einher. Die Regisseurin bewundert die Kinder sichtlich, vertraut ihnen aber nicht genug, um den Film auf ihren Schultern ruhen zu lassen. Stattdessen wird ihr Alltag in sphärischer Blubber-Musik ertränkt, die erzählerischen Freiräume versiegelt und dem Film die Luft abgeschnürt. Triviale Konflikte (beispielsweise der bereits angesprochene Disput über Wrestling) werden im Schnitt unnötig zugespitzt. Wo etwa Michael Apted in seinen Up-Filmen für eine ähnliche Form der Gesellschaftsbeobachtung ein gutes Gleichgewicht aus Ikon und Mensch findet, ohne sich im Sentiment zu verlieren,  gibt sich Newell oft dem progressiven Kitsch hin. Die finale Mardi Gras-Parade mag visuellen Bombast in einem visuell eher spärlichen Film bieten, ist aber weniger Kulmination des zuvor gezeigten, als die Regisseurin vielleicht annimmt.

Als Appell für diverse Familien ist der Film nicht gänzlich missglückt, als Dokumentarfilm jedoch zu ambitions- und kunstlos. Natürlich ist das Private politisch, in Gayby Baby leider vor allem der Umkehrschluss: Das Politische ist eine Privatsache, vor allem Ausdruck der unmittelbaren Lebenserfahrung. Eine legitime Sichtweise; aber auch eine beschränkte, in der Solidarität und Toleranz merkwürdig unmittelbar an die eigene Familie geknüpft sind. Sie sollten mehr als ein ererbtes Schicksal sein.

Text von Lucas Barwenczik


Gayby Baby
Kinostart: 23.06.2015
Genre: Dokumentation, Familie
Regie: Maya Newell
Laufzeit: 85 min.
Verleih: Rise and Shine Cinema

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