Rezension,

Haemoo (2014) – Menschlichkeit über Bord

August 27, 2015

Es läuft nicht gut für Kang Chul-joo (Kim Yoon-seok), Kapitän des Fischerboots Jeonjinho und Hauptperson von Sung-bo Shims Haemoo: Aufgrund der Asienkrise lässt sich mit Fischfang kaum noch Geld verdienen, es reicht gerade so für die Verpflegung seiner Besatzung. Als ob das nicht schon genug wäre, braucht der geliebte, aber mittlerweile in die Jahre gekommene Kahn einige dringende Reparaturen. Um sein Schiff vor dem Zwangsverkauf zu retten, entscheidet sich der Kapitän für einen drastischen und riskanten Auftrag: Als Schleuser soll er mit seiner Crew eine Gruppe illegaler Immigranten von China nach Korea schmuggeln.

Mit Haemoo feiert Sung-bo Shim sein Regiedebüt. Sein Erstlingswerk ist die Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks, welches wiederum auf den tragischen Ereignissen beruht, die sich im Jahr 2001 in der Nähe von Yeosu zugetragen haben. Bekannt wurde Shim zuvor für das Drehbuch des koreanischen Thrillers Memories of Murder, welcher unter der Regie von Joon-ho Bong verfilmt wurde. Bong war hier ebenfalls am Skript beteiligt und befasst sich nach Snowpiercer nun bereits zum zweiten Mal mit dem Thema der sozialen Ungleichheit.

Der Film beginnt als Drama mit zynisch-humoristischem Unterton. Die Besatzung der Jeonjinho wird vorgestellt und schnell wird klar, dass jeder der eigentlich sympathischen Männer so seine Macken mit sich bringt: Der Maschinist ist auf der Flucht vor Schuldeneintreibern, der Deckarbeiter und sein Assistent sind beide sexbesessen und der neue Rekrut, Jüngling Dong-Sik, glaubt naiv daran, dass ihn die Arbeit auf einem Fischerboot endlich zum „echten Mann“ machen wird.

Kaum in See gestochen, wird der Ton des Films von Minute zu Minute rauer. Sobald die menschliche Fracht erst einmal geladen und mehr schlecht als recht verstaut wurde, wechselt die Stimmung schlagartig. Eine angespannte und beklemmende Atmosphäre entfaltet sich, von der einst eingeschlagenen lockeren Gangart ist nun nichts mehr zu spüren. Die Schmuggeloperation entwickelt sich zur nautischen Zerreisprobe für die Crew, welche, mit der Situation zunehmend überfordert, tiefe menschliche Abgründe offenbart. Obwohl der Zuschauer das Unheil förmlich kommen sieht, reißen ihn die übers Deck spülenden Wellen immer wieder aus dem sicheren Stand. Selbst die ursprünglich amüsanten Witze über die notgeilen Mitglieder der Besatzung verblassen augenblicklich, als klar wird, dass diese für ihre Obsession bereit sind über Leichen zu gehen.

© Finecut

© Finecut

Auch handwerklich weiß Haemoo vollends zu überzeugen. Hong Gyeong-Pyo, der unter anderem auch für Snowpiercer und Mother hinter der Kamera stand, liefert atemberaubende Bildkompositionen, in welchen er die Weiten des Ozeans mit dem hektischen Handeln an Bord kontrastiert. Wenn der titelgebende Nebel (Haemoo, koreanisch für Sea Fog) auftaucht und das Boot wie aus dem Nichts ummantelt, ermöglicht dies ein wunderbares Spiel von Licht und Schatten unter dem diesigen Schleier. Ein klaustrophobisches Gefühl verbreitet sich auf Deck. Der Zuschauer wird – genau wie das Schiff – vom Nebel in Gefangenschaft genommen.

Durch die Tatsache, dass der Film auf einer wahren Begebenheit beruht, wirken viele der Ereignisse noch umso schrecklicher. Joon-ho Bongs Einfluss auf das Regiedebüt ist unverkennbar. Wie für ihn typisch, blickt er mit einer kritischen Betrachtungsweise auf das Geschehen und lässt es sich nicht nehmen, moralische Fragen aufzuwerfen. In einer Hinsicht verschenkt das Debüt sein Potenzial jedoch: Nach Erreichen des tragischen Höhepunkts stagniert die Entwicklung der Charaktere. Der Spannung wird dadurch keinen Abbruch getan, dennoch wäre ein gewisses Maß an Feingefühl für die Figuren wünschenswert gewesen, um dem Thriller etwas mehr charakterliche Tiefe zu verleihen.

Bereits mit seinem ersten Werk erweist sich Sung-bo Shim als würdiger Vertreter einer der spannendsten Filmlandschaft der Welt. Ein beklemmendes Geflecht aus Thriller und Drama über tiefe menschliche Abgründe auf hoher See. Eindrucksvoll inszeniert, kompromisslos spannend und thematisch ganz nah am Puls der Zeit.

Wertung: 

Ein Text von Lukas Markert


Haemoo (Sea Fog)
Kinostart: unbekannt
Genre: Thriller, Drama
Regie: Sung-bo Shim
Laufzeit: 111 min.
Verleih: bisher ohne dt. Verleih

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