Rezension,

Königin der Wüste (2015) – Ein Leben, weichgezeichnet

August 27, 2015

Vor der Kamera eine Welt in Bewegung: Wüstenwind treibt den Flugsand der Geschichte vor sich her. Welchen Wert haben Grenzen, wo schon der Boden keinen Bestand hat? Wenn die britischen Kolonialherren in Werner Herzogs Königin der Wüste Linien durch Vorderasien ziehen, dann wirken sie dabei nur unwesentlich weniger wahnsinnig als Don Lope de Aguirre, der verloren im peruanischen Dschungel verkündete: „Mein Königreich ist nun sechsmal so groß wie Spanien!“ Die Zeit des Fin de Siècle wird im neuen Drama des deutschen Filmemachers als eine der Entgrenzungen geschildert, auch auf sozialer Ebene.

Herzog konzentriert diese Umbrüche in einer Figur, der Historikerin und Forscherin Gertrude Bell (Nicole Kidman). Die Tochter eines reichen Industriellen weigert sich, das enge Korsett der spätviktorianischen Epoche zu tragen. Als eine von wenigen Oxford-Studentinnen ihrer Epoche sehnt sie sich nach Höherem. Zunächst treibt ihre Reise sie nach Teheran und in die Arme von Henry Cadogan (James Franco), dessen überraschender Tod sie auf eine lange Sinnsuche durch den Nahen Osten schickt: Während der Reise entdeckt sie eine Kultur fernab der Großmächte, die ihrem Herz eine Heimat bietet.

Auch wenn Königin der Wüste auf viele der Themen und Ideen Bezug nimmt, die seine Karriere begleitet haben, handelt es sich um einen atypischen Herzog-Film. Es ist ein schwülstiges, glattes Biopic geworden, mit allen Schwächen des Genres, als wäre ein unmotivierter Ron Howard zugegen gewesen. Wo sonst die Reise im Mittelpunkt stand, geht es nun plötzlich immerzu um die Ankunft. Krude Orientalismen verdichten sich zu einer überlangen Sightseeing-Tour. Lustlos werden Schauplätze und Ereignisse aneinandergereiht, als hätte ein Geschichtsbuch als Checkliste gedient. Die Darsteller tragen eifrig Exposition vor und verkommen zu Fremdenführern auf den Spuren von Gertrud Bell. Immer wieder müssen Schriftzüge erklären, wohin es die Handlung nun wieder verschlagen hat: Die austauschbaren grau-braunen Landschaften und Dörfer wirken gleichförmig und identitätslos. Sie werden zum Spiegel der mäandernden Geschichte.

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© Prokino Filmverleih

 

Wo sonst im herzogschen Kino der Kampf Mensch gegen Natur unerbittlich geführt wird, ist in diesem Fall wohl ein Waffenstillstand geschlossen worden. Die Unwägbarkeiten der Wüste, die in den Sandsturm-Bildern mitschwingen, bleibt im Film immerzu eine reine Behauptung. Bell wird niemals mit ernstzunehmenden Gefahren konfrontiert, ihr Leben gleitet fast widerstandslos über Sanddünen, die auch Teil eines Badestrandes sein könnten. Das gilt ebenso für ihre Auseinandersetzungen mit den patriarchalischen Strukturen, sowohl in der alten, als auch der neuen Heimat. Ein oder zwei Mal wird ihr ein energischer Gegenspieler vorgesetzt – nur eben keiner, der nicht schon durch sein Gebaren als lächerlicher Luftikus entlarvt würde. Nie scheint etwas auf dem Spiel zu stehen, es fehlt jegliche Fallhöhe.

Nicole Kidman nimmt entsprechend sanfte, mädchenhafte Züge an. In der Geschichte von Gertrud Bell liegt eine transgressive, moderne Frauenfigur verborgen. Herzog scheitert an seiner archäologischen Aufgabe. Stattdessen gibt Kidman eine schmachtende Träumerin und Abenteuer-Touristin. Ihr Gesicht und die Wüste um sie herum werden gleichermaßen weichgezeichnet. Gewiss: In Räumen wandert die Kamera mit ihr zunächst umher wie ein eingesperrtes Tier, auch in den Landschaftsaufnahmen gönnt der Film ihr keine Freiheit. Doch dieser Geist der Gefangenschaft verliert sich mit voranschreitender Laufzeit – genau wie alle klaren Charakterzüge irgendwann in den zerfasernden Handlungssträngen verloren gehen. Bells Blick auf die Welt, gefiltert durch die Verse Hafis‘ und Virgils, wirkt merkwürdig naiv. Zeigen frühe Szenen sie noch als unnahbare Geistesriesin, wird sie alsbald nur noch durch ihre Beziehungen definiert.

Anhand von Francos debil grinsendem Cadogan etwa dichtet das Drehbuch Bell eine Liebe zum Tod an. Visualisiert wird diese Vereinigung von Eros und Thanatos in einer kurzen Szene, in der sie gemeinsam einen alten Turm besteigen. Cadogan warnt Bell, auf der Spitze würden sie die Knochen von Verstorbenen sehen. Oben angekommen erwartet sie ein Geier, Gebeine, aber auch brennendes Verlangen. Es folgt der erste Kuss. Später wird von dieser Sehnsucht nicht viel bleiben, bis auf kitschig gesäuselte Gedichte.

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© Prokino Filmverleih

Doch nicht nur die Charakterstudie des Films krankt an ihrer Oberflächlichkeit, auch die Analyse der politischen Entwicklungen bleibt so wenig überzeugend wie Robert Pattinson als T.E. Lawrence oder Christopher Fulford als Winston Churchill. Jedes Ereignis findet zwischen den eigentlichen Szenen statt und wird dann im Dialog nacherzählt. Die Kamera scheint stets zu spät zu kommen. In den schwächsten Momenten fühlt sich Königin der Wüste wie eine Ansammlung von Material an, das auf dem Boden des Schnittraums herumlag.

Sie werden zu einem Flickenteppich von Beliebigkeit, Melodrama und Kitsch. Es ist ärgerlich, mit welchen Vokabeln man den Namen Werner Herzog im Alter plötzlich verbinden muss. Man spürt manchmal noch vage, was ihn an dem Stoff gereizt hat. Wenn Gertrud Bell mit gefälschten Dokumenten Grenzposten überlistet, denkt man unweigerlich an das entsprechende Kapitel aus Eroberung des Nutzlosen.  Königin der Wüste hätte ein Florence von Arabien werden können. (Selbst die Filmmusik eifert immerzu  Maurice Jarre nach.) Ein ambitioniertes Großwerk und cineastisches Manifest. Epik und Pathos sind Herzog nicht fremd, er sucht sie sogar. Doch sein Film ist in jeder Hinsicht klein und beschränkt geraten. In seiner Filmografie steht nun eine Sandburg unter Monument. Der Wüstenwind verweht die Grenzen nicht, sondern trägt sie nur an immer neue Orte.

Wertung: 

Text von Lucas Barwenczik


Königin der Wüste
Kinostart: 03.09.2015
Genre: Biographie, Drama
Regie: Werner Herzog
Laufzeit: 125 min.
Verleih: Prokino Filmverleih

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