Rezension,

Leviathan (2014) – Der Wodka brennt nach

März 14, 2015

Kolya, ein begabter Automechaniker in einer kleinen russischen Küstenstadt, findet sich in einem Rechtsstreit mit dem korrupten Bürgermeister wieder, als sein eigen erbautes Haus eingerissen und sein wertvolles Grundstück zwangsverkauft werden soll. Verzweifelt wendet sich Kolya an einen alten Freund und erfahrenen Anwalt aus Moskau. Doch seine Unterstützung wirft neue Probleme auf.


Gleichmütig schmiegen sich die sanften Wogen an moosbewachsene Wrackteile alter Fischerboote, die einst den fruchtbaren See der örtlichen Kleinstadt befuhren. Kleine Wellen furchen sich kaum merklich durch das nasse Gewand – ihr Verursacher ist längst in den dunklen Tiefen des Sees auf Grund gestoßen. Am nahen Strand tragen die Überreste eines einzelnen Wals ihre karge Schönheit zur Schau. Die massiven Knochen zeugen von einer einst majestätischen Erscheinung enormen Ausmaßes. Nun ruhen sie dort – unbeeindruckt von der Inbrunst, mit der die stürmische Gischt der Barentssee die steilen Klippen der Küstenregion einige Kilometer weiter emporklimmt. Es ist die Gleichgültigkeit der Toten. Und doch fegt die steife Brise stoisch jedes Sandkorn von diesem toten Relikt. Von irgendwoher weht sie ein monoton verlesenes Gerichtsurteil herbei.

Leviathan ist eine Anklage – oder zumindest ein still wimmerndes Klagelied. Über all die Missstände und all die Ungerechtigkeit in der heutigen russischen Gesellschaft, ausgehend von einer autoritären Machtelite und ihren widerwärtigen Praktiken. Regisseur Andrey Zvyagintsev setzt diesen gesellschaftspolitischen Verfall immer wieder in Gegensatz zu der natürlichen Schönheit seines Heimatlandes und zu den standhaften Tugenden seiner stolzen Landsmänner. Doch auch Stolz und Tugendhaftigkeit sind unter der Last von Armut und Hilflosigkeit vergänglich.

Retrospektiv nicht verwunderlich gestaltet sich die dementsprechende Zäsur auf der Hälfte des Films. Obgleich es zunächst so scheint, als verliere sich der Film in melodramatischen Momenten, wird zunehmend klarer, wie komplementär die zwei Seiten dieser Geschichte funktionieren. Das Drehbuch als Manifestation der Aussichtslosigkeit. Alles in diesem Umfeld muss früher oder später den Punkt der Resignation erreichen, da bildet auch dieser Film keine Ausnahme. Aus einem kämpferischen Gesellschaftsdrama formt sich eine bittere Tragödie.So ist es wohl gewollt, dass die wundervoll eingefangene Kulisse Nordrusslands auch einer gewissen Gleichmütigkeit nicht entbehrt. In einer Totenstarre wird sie diese Tragödie überleben. Leviathan schenkt reinen Wodka ein. Der russische Stolz, die Schönheit und der Glaube – sie weichen der Korruption, weichen der Armut. Verkommen oder vertrieben, kehren sie so schnell nicht zurück. Erhalten bleiben nur die felsigen Klippen und eben jener bitter nötige Wodka.

Aus handwerklicher Sicht bietet Leviathan neben umwerfend komponierten Kameraeinstellungen vor allem die exzellenten Darbietungen seiner charismatischen Schauspieler (Aleksey SerebryakovElena LyadovaRoman Madyanov). Ehrlich zugestehen muss man dem Film aber auch seine Längen, die teilweise klar hätten vermieden werden können. Die Erzählweise des Films mag als unkonventionell oder zerfahren beschrieben werden, je nachdem. Scheinbar planlos mäandert die Geschichte nach seinem ereignisreichen Auftakt manchmal von einem Punkt zum nächsten, nur um all seine Handlungsfäden letztlich doch noch zu einem metaphorischen und narrativen Gesamtbild zu verstricken. Das funktioniert mal besser und mal schlechter, ohne Zweifel entspringen dieser Parabel aber eine Reihe großartig inszenierter Szenen. Diese Momente sind es, die bleiben werden, wenn alles andere schwindet. Das Bild von diesem Russland brennt nach – wie Wodka in der Kehle.

Wertung:  

Text von Johannes Dahlke


 

Leviathan
Kinostart: 12.03.2015
Genre: Drama
Regie: Andrey Zvyagintsev
Laufzeit: 141 min.
Verleih: Wild Bunch Germany / EuroVideo

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