Rezension,

Manuscripts Don’t Burn & Taxi Teheran (2015)

August 19, 2015

Zwischen Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof lassen sich die üblichen Parallelen regimekritischer Künstler in autoritär regierten Staaten ziehen. Beide sind als verurteilte Straftäter gebrandmarkt und beiden wurde ein langjähriges Berufsverbot auferlegt. Beide drehen ihre Filme deshalb im Geheimen und sollten diese unwahrscheinlichen Unterfangen tatsächlich von Erfolg gekrönt sein, so bleiben die Abspanne ihrer Filme zumeist gleichermaßen schwarz. Keine Namen der Darsteller, des Produktionsteams und keine Danksagungen. Es wäre zu gefährlich, denn Panahi und Rasoulof schaffen Filme, die keine Filme sein dürfen.

Trotz dieser gleichen Voraussetzungen wählten die beiden iranischen Filmemacher mit ihren neuesten Werken zwei komplett verschiedene Ansätze, ihre Kritik auf die Leinwand zu bringen. Es sind zwei unterschiedliche Arten der Anklage und des Appells, die sich als Portrait der problematischen gesellschaftspolitischen Situation im modernen Iran sehr gut ergänzen. Auch weil ihre Erzählweisen die zwei gegenüberliegenden Enden des Spektrums des politischen Films repräsentieren. Zwei unterschiedliche Formen der Filmkunst, deren dissonante Tonarten sich allein in ihrer kritischen Botschaft und ihrem appellierendem Charakter zu einem Klang vereinen. Und in der Tatsache, dass es ihre Werke doch immer wieder schaffen, aus dem Iran hinaus geschmuggelt zu werden, um sie der Weltöffentlichkeit vorzuführen.

Regisseur und Fahrer Jafar Panahi in Taxi Teheran. ©Weltkino Filmverleih

Regisseur und Fahrer Jafar Panahi in Taxi Teheran. © Weltkino Filmverleih

Vielleicht ist dies der Grund, warum Jafar Panahis Fahrgäste in Taxi Teheran neben den ernsten Dialogen auch immer wieder schelmisch in die getarnte Kamera grinsen. Mehr noch: Es wird gescherzt, es werden Rosen verteilt und ein freches junges Mädchen öffnet dem Zuschauer mit ihrer naiven Ehrlichkeit in vielen Momenten das Herz. Panahi will nicht nur anklagen und appellieren, er will auch zeigen: Irans Bevölkerung ist lebendig, sie urteilt und diskutiert und sie kann noch immer lachen – wenngleich diese Heiterkeit unter dem bedrohlichen Damoklesschwert des Regimes niemals den Schutz privater Räumlichkeiten verlässt. Vielleicht ist es Galgenhumor, vielleicht Sarkasmus aber möglicherweise ist es auch vorsichtiger Optimismus. Schließlich ist es ein Film, an den der Zuschauer größtenteils lächelnd zurückdenkt. Für diesen wenig larmoyanten Kommentar zur Situation der modernen iranischen Gesellschaft wurde Panahis Werk hierzulande (natürlich in seiner Abwesenheit) mit dem goldenen Bären ausgezeichnet.

Doch es ist nicht nur die Atmosphäre, welche die beiden Werke Panahis und Rasoulofs unterscheidet. Denn Panahi benutzt die Einschränkungen seiner verdeckt durchgeführten Dreharbeiten als Inspiration. Es ist handwerkliche Herausforderung und gleichzeitig politische Metapher, wenn sich Panahi selbst als Taxifahrer ausgibt und seinen Film komplett im Innern eines Autos spielen lässt. Scheinbar reale Ereignisse inszeniert und diese über weite Strecken mit nur einer einzigen im Taxi befestigten Digitalkamera filmt. In seinem Film finden sich eine Vielzahl dieser doppeldeutigen Anspielungen in Kameraeinstellungen, Symbolen und Dialogen wieder. Sie bilden wohl überlegte Kommentare zu Panahis eigenen eingeschränkten Freiheiten, der persönlichen Orientierung als Bürger und Künstler in einer solch restriktiven Gesellschaft, sowie der Rolle von Kunst und Film als Abbild der Realität und als motivierender Appell für die moderne iranische Gesellschaft – sowohl im Konsum als auch in der eigentlichen Schaffung. Als Resultat gestaltet sich Taxi Teheran weniger als ein mitreißendes, unterhaltendes oder spannendes Werk im klassischen Sinne und ist vielmehr als ein vielschichtiger Denkanstoß zu verstehen. Es fällt damit in die Reihe politischer Filme, die von dem Pionier des politischen Dokumentarfilms Lionel Rogosin so nachdrücklich unterstützt wurden und bewusst mit der etablierten Form der Filmkunst brechen, um den Zuschauer in seiner Urteilsfindung zu inspirieren. Der große Nachteil solch innovativer Filme besteht jedoch vor allem in der eingeschränkten Zugänglichkeit für das normale Kinopublikum. Obwohl Taxi Teheran durchaus seine unterhaltsamen komödiantischen Momente pflegt, ist das Werk doch weit entfernt von einer konventionellen Narrative und wohl nur für ein Nischenpublikum relevant.

Rasoulof wählt deshalb einen anderen Weg. Manuscripts Don’t Burn holt seine Zuschauer aus der Metapher auf den Boden der Tatsachen zurück und wischt ihnen das Lächeln vom Gesicht wie ein Hieb in die Magengrube – die gemütliche Rundfahrt durch Teheran mit Onkel Jafar endet hier. Stattdessen sitzt nun ein Auftragsmörder am Lenkrad und tiefe Sorgenfalten graben sich durch die trauernden Bildkompositionen. Niemand lächelt hier jemals, das höchste der Gefühle ist Gleichgültigkeit. Rasoulof präsentiert dem westlichen Zuschauer eine andere Sicht auf den Iran: Düsterer, härter und gerade heraus. Während Panahi das iranische Regime in Taxi Teheran mit verschmitztem Grinsen an der Nase herumführt, spricht aus den Bildern Rasoulofs pure Verzweiflung und offener Hass.

Peripher Filmverleih

Standbild aus Manuscripts Don’t Burn. © Peripher Filmverleih

Der Film erzählt eine Geschichte über die systematischen Unterdrückung der geistigen iranischen Elite durch die skrupellosen Machenschaften des autoritären Regimes. Rasoulof bedient sich einer klassischen Narrative und formt einen konventionell aufgebauten Politthriller, der als Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Bösewicht, seinen Handlangern und den aufbegehrenden Opfern inszeniert wird. Der Film wechselt dabei immer wieder die Perspektive zwischen der aussichtslosen Verzweiflung der unterdrückten Schriftsteller und dem stoischen Gehorsam der vom Regime engagierten Auftragsmörder. Zu keinem Zeitpunkt wirkt es, als würde dieses Duell auf einer ausgeglichenen und fairen Basis ausgetragen werden – das Bild von Katz und Maus wirkt bitter passend. Untermalt wird diese ernüchternde Narrative von den blaublass getünchten Aufnahmen des heruntergekommenen Teherans und der kühlen, felsigen Landschaft im iranischen Winter, welche dem Film einen stilisiert cineastischen Anstrich verleihen. Es ist ein Film in vertrautem Gewand. Einer, dem jeder folgen kann. Seine Botschaft ist für jeden Zuschauer verständlich und nur selten verlässt er die bekannten Muster seines Genres.

Fast wirkt es, als entständen die wenigen unkonventionellen Momente als Zufallsprodukt. Dabei fällt vor allem ein Handlungsstrang aus der eigentlichen Struktur des Films. Es geht um einen alternden Schriftsteller, welcher durch den auferlegten Hausarrest getrennt von seiner im Exil befindlichen Tochter leben muss und an seiner Einsamkeit langsam zu Grunde geht. Zunächst scheinen die Geschehnisse um den gebrochenen  Künstler rein der Etablierung der Hintergrundgeschichte und Motivation des bösen Gegenspielers zu dienen. Spät im Film führt genau dieser Handlungsstrang jedoch zu einer der stärksten Sequenzen des Films, welche auch als mehrminütiger Kurzfilm außerhalb Rasoulofs Werk wunderbar funktionieren würde und das gesamte tragische Grundkonzept seiner Geschichte in wenigen Momenten perfekt resümiert.

Ansonsten bleibt Rasoulofs Film auf den vorgegebenen Trampelpfaden des Genres, erzählt seine Geschichte anhand eines gut strukturierten Drehbuchs in einem ruhigen aber stets vorantreibenden Rhythmus und präsentiert handwerklich erfahrene Kameraarbeit mit sporadischer Bildgewalt. Er schafft somit einen insgesamt spannenden Thriller. Gerade im Vergleich zu einem inhaltlich facettenreichen Werk wie Taxi Teheran begleitet die konventionelle Natur von Manuscripts Don’t Burn den einfachen, klagenden Aufschrei Rasoulofs gut. Dieser Film funktioniert sowohl als Thriller, als auch als einfaches politisches Statement und besitzt somit das Potential, mehr als nur ein Nischenpublikum über die Kinoleinwand zu erreichen. Er erregt Aufsehen, schürt die Empörung und ist deshalb ein so wichtiges Komplement zu Panahis schüchternem Versteckspiel in Taxi Teheran. Letzterer ist der weiterführende Kommentar, der dann betrachtet werden kann, wenn die Wut dem Sarkasmus und die Trauer der Hoffnung weicht. Bis dahin zelebriert Manuscripts Don’t Burn seine Konvention und plakative Offenheit als politischen Triumph gegenüber den Einschränkungen und der harschen Zensur im Iran. Und das zurecht. Der Politthriller ist der Beweis, dass eine konventionelle Geschichte mit offener Botschaft auch von iranischen Filmemachern erzählt werden kann. Das ist ermutigend. Manuscripts Don’t Burn ist ein offener Wutschrei in vertrautem Anstrich – und genau deshalb ein beeindruckendes Werk.

Wertung: 

Text von Johannes Dahlke


Manuscripts Don’t Burn
Kinostart: 13.08.2015
Genre: Politthriller, 
Drama
Regie: Mohammad Rasoulof
Laufzeit: 124 min.
Verleih: Peripher Filmverleih

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