Rezension,

Men & Chicken (2015)

Juli 15, 2015

Men & Chicken ist eine schwarze Komödie über zwei verstoßene Brüder, die beim Kennenlernen ihrer – ihnen bislang unbekannten – Verwandtschaft auf eine schreckliche Wahrheit stoßen.


Die Brüder Gabriel und Elias trennen nur drei Jahre und doch Welten. Sie sind vielleicht nicht ganz Kain und Abel, nicht ganz Karl und Franz Moor, aber es teilt sie mehr, als sie verbindet. Gabriel ist zwar kein Erzengel, dafür aber immerhin Professor für Philosophie und Evolutionspsychologie, was ja auch nicht schlecht ist. Elias ist sicher kein Prophet, ohnehin ist er nicht viel. Ein Frauenheld, vielleicht. Sicher ein großer Anhänger von Masturbation und seinem Bruder, in dieser Reihenfolge. Der jedoch empfindet ihn als Last, schleppt ihn durchs Leben und verliert deshalb alle anderen Menschen am Wegesrand. Was klingt wie eine skandinavische Parodie auf Steinbecks Of Mice and Men, ist ungefähr das, nur die Kulisse des Verfalls ist eine andere. Natürlich bietet Men & Chicken von Anders Thomas Jensen mehr, gefällt sich aber vor allem in Schattierungen von Schwarz und Grau.

Der dänische Regisseur Anders Thomas Jensen (Adams Äpfel) sucht in seinen Filmen nach dem Menschlichen, nach dem Glauben und dem Familienzusammenhalt. Dafür stürzt er sich stets in Seelenabgründe und gräbt so tief, wie es ihm möglich ist – ob das Ergebnis Brunnen oder Höllenschlünde sind, ist oft erst auf den zweiten Blick ersichtlich. Für Gabriel (David Dencik) und Elias (Mads Mikkelsen mit einer erstaunlicher Perücke) beginnt die Suche mit dem Tod ihres vermeintlichen Vaters, der mithilfe einer schlecht überspielten Videokassette mitteilt, was der eine Bruder befürchtet und der andere gehofft hatte: Dass er nicht wirklich ihr leiblicher Vater war, die beiden unterschiedliche Mütter haben und somit nur Halbgeschwister sind.

Ihre Suche nach der eigenen Vergangenheit und einer neuen Identität verschlägt sie zum letzten Aufenthaltsort ihres mittlerweile hundert Jahre alten Erzeugers, zur abgelegenen Insel Ork. Die ist mit knapp 40 Bewohnern nur noch spärlich besiedelt und steht kurz davor, ihren Status als Gemeinde zu verlieren. Zudem scheint das Phänomen der Inselverzwergung vor dem Geistigen keinen Halt zu machen: Klaren Verstandes ist nicht einer der Eilandbewohner, nicht einmal der an seiner Gemeinde verzweifelnde Bürgermeister und seine paranoide Tocher. Auf dem verfallenen Anwesen ihres Altvorderen begegnen die Suchenden Franz (Søren Malling), Gregor (Nikolaj Lie Kaas) und Josef (Nicolas Bro). Die aggressiven Hinterwäldler stellen sich ebenfalls als Verwandte heraus. Statt einer warmen familiären Begrüßung gibt es schmerzhafte Schläge mit ausgestopften Tieren. Doch trotz all dieser Widerstände kommen die Brüder der Wahrheit unaufhörlicher näher. Ob sie ihnen wirklich gefällt, steht auf einem anderen Blatt.

© DCM Filmdistribution

© DCM Filmdistribution

Jensens Film ist eine klassische Groteske und erfreut sich an Überlagerungen von Komik und Grauen. Schon der Vorspann gibt allem den Anstrich eines düsteren Märchens, vielleicht sogar eines pervertierten Bibelgleichnisses. Gespottet wird mal über Dieses, mal über Jenes. Man fragt sich schnell: Wofür? Wer soll hier provoziert werden und womit? Geht es um eine Kritik an der modernen Forschung, versprechen Artikel über das CRISPR/Cas-System dem Filmemacher eine zu düstere Zukunft? Auch, aber sicher nie nur. Es geht um Darwin, um Vererbung und um die Frage, in wie fern Genetik Schicksal ist. Vieles davon ist recht plakativ, wirklich verhandelt wird das alles nicht, nur angeschnitten. Wird, wie schon in Adams Äpfel, der Glaube auf eine bittere Probe gestellt? Eine ungewöhnliche Bibelstunde legt dies nahe, aber es bleibt bei einer Szene. Als Gabriel sich daran macht, seine Verwandten mit der heiligen Schrift zur Moral und Zivilisation zu erziehen, scheitert er. Der Missionar steht vor den Wilden und muss selbst eine Lektion lernen.

Letztendlich ist es primär eine Patchwork-Geschichte, eine Außenseiter-Erzählung. Der Familienbegriff wird gedehnt bis an seine Belastungsgrenzen, hält für den Regisseur aber stand. Es ist sicher kein konservativer Film: Freudig suhlt sich die Komödie im Degenerierten und Verfallenen, erfreut sich an einer Gewalt, die nicht immer Slapstick bleibt. Dabei kommen kuriose Dialoge zu Stande, die zwar oft sehr komisch sind, aber nicht so recht zu ihren Figuren passen wollen. Mancher Bruch lässt irritiert zurück und schafft Distanz zu ihnen. Ohnehin werden Figuren grob gezeichnet, auch wenn hier der Modus der graduellen Menschwerdung Anwendung findet. Jedes Tier bekommt humane, jeder Mensch animalische Züge.

Das schlägt sich auch im Schauspiel nieder: Alle Darsteller führt Jensen in ein ungelenkes Getorkel durch seine Welt, er nimmt ihnen die Eleganz, manchmal auch die Würde. Mads Mikkelsen legt die Beherrschtheit eines Hannibals ab, um ein Kind im Manneskörper zu werden, ein ewig präpubertärer, triebgesteuerter Halbgescheiter. Diese Beschreibung trifft auf alle Brüder zu – bis auf Gabriel. David Dencik gibt den unsicheren, gebrechlichen Intellektuellen, der jedoch auch in seiner stolz nach außen getragenen Überlegenheit oft an Grenzen stößt. Immer wieder prallen diese Extreme aufeinander. Das ist eine Weile recht drollig, aber auf Dauer ermüdend, weil die Nuancen so konstruiert wirken. Da die Dichotomie der Brüder diese Welt im Würgegriff hält, erscheint jede Annäherung erzwungen.

Ist Men & Chicken ein lustiger Film, ein unterhaltsamer? Manchmal. Ist es ein wirklich guter? Selten. Das genetische Kuriositäten-Kabinett will mehr sein als eine Jahrmarktattraktion, doch wer zu viele Clowns zeigt, wird nun einmal für einen Zirkus gehalten. Der schwarze Humor des Films stochert etwas lustlos in den letzten Tabus der Epoche, will aber nicht so recht fündig werden. Es fehlen der Fokus und leider auch die wahrhaftigen Bilder. Jensens Film bleibt so grau-braun wie seine Kulissen, der Regisseur scheint über seine geistlose Hybridwelt nur noch spotten zu wollen. Das soll ihm gewährt sein, schade ist es doch. Men & Chicken und Adams Äpfel trennen nur sieben Jahre und doch Welten.

Wertung: 

Text von Lucas Barwenczik


 

 

Men & Chicken
Kinostart: 02.07.2015
Genre: Komödie, Drama
Regie: Anders Thomas Jensen
Laufzeit: 104 min.
Verleih: DCM Filmdistribution

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