Rezension,

Mistress America (2015) – Heranwachsen im Glissando

Dezember 11, 2015

Das Kino Noah Baumbachs führt unweigerlich zu einer Frage: Wollen wir von Filmen eigentlich wirklich verstanden werden? Sie sollen uns wohl berühren, aber gleich umarmen? Uns den Kopf streicheln und sanft in unser Ohr hauchen, dass wir trotz all unserer Fehler gute Menschen sind, die es verdienen, geliebt zu werden? Oft begegnet man im Kino dem Fremden, dem Unwägbaren, gelegentlich aber auch Versionen seiner selbst. Eigentlich suchen wir die Distanz, die es uns erlaubt, das Beste aus beiden Welten zu wählen.

Baumbach sagt man nach, er könnte die Befindlichkeiten eines bestimmten Menschenschlages sehr präzise darstellen: Die weiße, urbane Mittel- bis Oberschicht, Stadtneurotiker nach Art Woody Allens. Menschen, die zu viel denken (falls das geht) und sich so intensiv um sich selbst drehen, dass man damit Strom für ganz Williamsburg generieren könnte.

Es kostet Überwindung, etwas von sich in ihnen wiederzuerkennen – in etwa so, wie das eigene Bild auf Fotographien oft merkwürdig wirkt, weil wir an unsere spiegelverkehrte Reflektion gewöhnt sind. Ihr Narzissmus macht sie zu tragischen Figuren, oft sogar im klassischen Sinne, doch ihr privilegiertes Leben nimmt ihnen die Fallhöhe – statt zu stürzen geraten sie im schlimmsten Fall in ein ewiges Straucheln. Die Katharsis eines Endes mit Schrecken wird ihnen verwehrt.

Das kann unerträglich sein, wie zuletzt in Gefühlt Mitte Zwanzig: Bourgeoiser Ennui, müde Hipster-Klischees und Generationenporträts mit unsauberer Linienführung verschmolzen und relativierten einander, bis keine Haltung mehr zu erkennen war. Nabelschau bringt meist eben nur Flusen hervor. Doch die Screwball-Drama-Komödie Mistress America ist anders. Der Blick ist enger, gebündelter und damit durchdringender.

©Fox Deutschland

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„It will be it’s own mythology!“, erklärt die dreißigjährige Brooke (Greta Gerwig) ihrer zukünftigen Stiefschwester Tracy (Lola Kirke). Es geht um die noch wenig ausgearbeitete Superheldin, die dem Film seinen Namen gibt, aber natürlich spricht sie auch von sich selbst. Wie könnte es anders sein, redet sie doch über kaum etwas anderes. Manchmal wirkt sie wie eine Künstliche Intelligenz, die gerade an einem Turing-Test scheitert – was sie von sich gibt, hat mit den Fragen des Gesprächspartners oft wenig bis nichts zu tun. Meist offeriert sie halbseidene Lebensweisheiten, bei denen nur noch das Bild eines Menschen auf einem Berggipfel fehlt, um einen inspirierenden Facebook-Post daraus zu schmieden.

Während Tracy mit ihren achtzehn Lebensjahren gerade mit dem College beginnt und auf der Suche nach einer Identität ist, weist die New Yorker Lebefrau fast schon einen Überschuss an Persönlichkeit und Persönlichkeiten auf. Die Gesamtheit des menschlichen Schaffens und die Summe ihrer Betätigungsfelder scheinen deckungsgleich, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten wird deutlich, dass Schein und Sein sich die Waage halten. Brooke lebt in einem Zustand permanenter Selbst-Mythologisierung: Mal tritt sie als gewöhnlicher Mensch auf, mal als Hauptfigur der Geschichte, die sie ihr Leben nennt.

Als die literarisch ambitionierte Tracy sie als Protagonistin einer Kurzgeschichte wählt, ist das nur folgerichtig. Mistress America schildert den Kampf zwischen Selbst- und Fremdbild, Selbst- und Fremdbestimmung, was lustiger ist, als es klingt.

Der Film hat zwei große Stärken, die ihn von Baumbachs bisherigem Schaffen abheben. Zum einen wäre da eine Erkenntnis, die der Regisseur erst vor kurzem gewonnen haben muss: Der filmische Bildungsroman ist tot. Coming-of-Age-Geschichten scheitern heute oft vor allem daran, dass es kein klares „of age“ mehr gibt.

Natürlich waren Lebensabschnitte immer schon fließende, willkürliche Kategorien. Man nehme nur die Figur des Teenagers, eine Erfindung der Nachkriegszeit, die der „Greatest Generation“ noch als Luxus galt. Im Kino konnten wir in den letzten Jahren, auch bei Baumbach, den Tod des Erwachsenenalters erleben. Zumindest in der zeitgenössischen Fiktion ist es lediglich eine Option unter vielen. Die Berufsjugend (oder auch wie zuletzt bei Paolo Sorrentino, die Ewige Jugend) ist längst nicht mehr nur einigen wenigen Rockstars und Schauspielern vorbehalten, sondern in bestimmten (privilegierten) Kreisen der Standard.

©Fox Deutschland

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Wer heute also vom Erwachsenwerden erzählt, scheitert oft daran, dass er eine Entwicklung ohne Ziel zu beschreiben sucht. In einer prekären Welt gibt es kein Ankommen mehr, nur neue Stationen einer Reise. Diese theoretische Freiheit, die nur ein neues Muster des Zwangs ist, wird in Mistress America überzeugend geschildert.

Das gelingt vor allem (und hier kommen wir zur zweiten Stärke) durch extreme Verdichtung. Selten wurde ökonomischer erzählt. Nur ein einziges Mal sammelt sich der Film in einer längeren, überbordend manischen Sequenz: Brooke wendet sich auf der Suche nach einem Finanzier für das Restaurant, das sie eröffnen möchte an einen ehemaligen Freund, dessen Haus plötzlich zu einer kuriosen Begegnungsfläche für eine Sammelsurium schräger Charaktere wird. Es ist eine atemlos choreographierte Tour de Force, irgendwo zwischen Howard Hawks und den Marx Brothers.

Abgesehen von dieser Klimax beherrscht das Glissando den Film. Im Rhythmus einer Musik-Montage werden Szenen aneinandergereiht, so eng, dass nicht einmal eine Drehbuchseite in die Lücken passt. Alles fließt, wodurch Baumbach den Gedankenwelten und Lebenswirklichkeiten seiner Figuren endlich einmal gerecht wird.

Einmal auf dieser Wellenlänge angekommen, wirkt auch Baumbachs Empathie endlich nicht mehr apologetisch und seine Kritik nicht mehr herablassend oder gar feindselig: Brooke, Tracy und Co. sind keine Intellektuellen-Superhelden, sondern halten sich lediglich selbst für super. Außer wenn sie es nicht tun, an sich selbst zweifeln und verzweifeln. Statt in ihrer Psyche zu stochern, sucht der Regisseur Menschlichkeit in den Augen der Anderen, konfrontiert sie mit ihren eigenen Selbstbildnissen und hält damit auch seinem Publikum einen Spiegel vor. Mistress America versucht seine Figuren nicht zu verstehen, weil wir Menschen nicht wirklich verstehen können, nur das Bild, das wir von ihnen haben. Wir mögen alle die Hauptfigur unserer eigenen Geschichte sein, dürfen aber nie vergessen, dass wir in allen anderen höchstens eine Nebenrolle spielen. Wenn überhaupt.

Wertung:

Text von Lucas Barwenczik


Mistress America
Kinostart: 10.12.2015
Genre: Drama, Komödie
Regie: Noah Baumbach
Laufzeit: 84 min.
Verleih: Fox Deutschland

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