Rezension,

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind – Filmkritik

November 17, 2016

Magie ist Kontrast, die Abweichung von der Norm, die Möglichwerdung des Unmöglichen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wenn alles Magie ist, ist nichts Magie. David Yates‘ Harry-Potter-Spin-off Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind ist ein buntes Effektfeuerwerk, das den dunklen Leinwandhimmel ganz und gar überstrahlt, bis eine gleichmäßige Fläche ohne Abweichung entsteht. Magielose Magie. Yates erklärt die Tricks des Kinos zu mächtigen Sprüchen, schwingt seinen Zauberstab aber unbeherrscht, als wäre er ein Spielzeug. Ein Wingardium Leviosa, und plötzlich hat nichts mehr Gewicht.

Das beginnt bei der Kamera, die entfesselt durch die New Yorker Panoramen schwebt, als wäre sie ein Schnatz. Widerstandslos pirouettiert sie durch das Amerika des Jahres 1926. Es herrscht eine Stimmung, die von dieser verspielten Dynamik nicht weiter entfernt sein könnte. Der erste Weltkrieg mag vorbei sein, doch vergessen ist er nicht. Ein Rest der düsteren Pulverdämpfe liegt in der Luft, seine Gewalt zieht in die Köpfe der Menschen und vernebelt ihren Verstand. Die meisten merken wenig von den Roaring Twenties. Manche, allen voran die radikalchristlichen und programmatisch passend benannten Second Salemers, machen die im Verborgenen lebenden Hexen und Zauberer dafür verantwortlich. Zu allem Übel verübt der finstere Proto-Voldemort Gellert Grindelwald Anschläge, welche die Zauberer enttarnen könnten. Es droht ein Krieg der Welten.

Mitten in dieses fragile Gleichgewicht stößt der junge britische Magizoologe Newt Scamander (Eddie Redmayne). Als er gemeinsam mit hoffnungsvollen Atlantikübersiedlern in Ellis Island an Land kommt, wird er vom Zoll nicht aufgehalten – und das, obwohl er nicht weniger als die Büchse der Pandora bei sich trägt. Genauer: Einen Koffer, voll mit gefährlichen magischen Tierwesen. Womit die Frage im Titel des Films schon einmal beantwortet wäre.

© Warner Bros. Gmbh

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Es kommt, wie es kommen muss: Einige Kreaturen entkommen. Bei seinem Versuch, sie wieder einzufangen, lernt er en passant eine ganze Reihe von Verbündeten und Gegenspielern kennen. Der Film bleibt über seine gesamte Laufzeit hinweg eine Jagd und hetzt atemlos von Schauplatz zu Schauplatz. Unentwegt disapparieren (also teleportieren) die Figuren von A nach B, anstatt zu laufen. Es handelt sich durchaus um eine Art Kinomagie: Sie reisen, als besäßen sie selbst die Macht des Schnitts.

Ihre große Eile ergibt sich primär aus dem Franchise-Charakter des Films, mindestens vier Fortsetzungen sind angekündigt. Als Urknall obliegt es Phantastische Tierwesen, die zahllosen Variationen bekannter Harry-Potter-Typen vorzustellen. Der No-Maj – american english für Muggle, also einen Nicht-Magier – Jacob Kowalski (Dan Fogel) ist ein Fabrikarbeiter, träumt aber eigentlich von seiner eigenen Bäckerei, und wird durch eine Verwechslung in Scamanders Abenteuer gezogen, und damit auch in die Welt der Magie. Fogel verkörpert den unbeholfenen, untersetzten Jedermann mit dauerhaft weit aufgerissen Augen. Yates sieht in ihm vor allem ein Publikums-Surrogat. Er wird zur Personifizierung ungläubigen Staunens, ein ärgerlicherweise dauerbeschäftigter Stimmungs-Souffleur für den Zuschauer. Wo die Magie nicht spürbar ist, behauptet er sie. (Ohnehin: Die Inszenierung der Szenen ist zu gleichförmig, der Regisseur greift immer wieder zu denselben groben Werkzeugen.) Redmayne gibt im Kontrast dazu den näselnden Straight Man, ausgestattet mit einer düsteren Vergangenheit und der Fähigkeit, durch extremes Nuscheln ganze Silben verschwinden zu lassen.

Wie in einer Shakespeare-Komödie, die bekanntlich immer zur „natürlichen Ordnung“ der Zweierbeziehung streben, findet sich für beide sofort ein potentieller Partner: Scamander knüpft vorsichtige Bande mit Porpentina Goldstein (Katherine Waterston), während sich Kowalski in ihre verführerische, gedankenlesende Schwester Queenie (Alison Sudol) verguckt. Gemeinsam müssen sie mit einer noch größeren Bedrohung fertig werden, ausgehend vom zwielichtigen Leiter der Abteilung für magische Strafverfolgung Percival Graves (Colin Farell) und dem mysteriösen Credence Barebone (Ezra Miller), der eine traurige Jugend der Marke „Tom Riddle“ verlebt.

© Warner Bros. Gmbh

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Letztendlich sind es fast zu viele Figuren, zu viele Nebenkriegsschauplätze, zu viel Filmweltmöblierung, die trotzdem keine stimmige Atmosphäre aufkommen lassen will. Selbst die Hauptdarsteller bleiben recht blass, auch wenn es immer wieder Momente der größtmöglichen Emphase gibt. Ganz nach Marvel-Art wird vieles nur angerissen und verweist auf die Zukunft, statt wirklich von Bedeutung für die laufende Handlung zu sein. Eine Politiker-Dynastie, Sekten, Polit-Behörden – narrativer white noise.

Mehr noch als andere Popkultur fühlt sich Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind wie eine Ansammlung von Versatzstücken an. Die langen Slapstick-Sequenzen, in denen die titelgebenden Monster durch New York toben, wirken wie die Schnittmenge aus Ghostbusters und Nachts im Museum, später kommt offizielle Harry-Potter-Fanfiction hinzu (u.a. werden Dumbledore und die Lestrange-Familie erwähnt), das Großstadtvernichtungsfest des Finales ist einem aktuellen Superheldenfilm entliehen. In der Summe ergibt sich Recycling-Kino für die grüne Tonne.

Die Actionsequenzen sind überlang und ermüdend, nur selten sind sie an Figuren oder Emotionen gebunden. Die Omnipräsenz der Magie nimmt ihnen jede Dringlichkeit, die Räume dynamisierende Luftkamera verweigert sich jeder Choreographie und visueller Klarheit. Genau wie bei Doctor Strange wird sehr viel Wert daraufgelegt, dass alle angerichteten Schäden unkompliziert reparabel sind. Nach Jahren der destruktiven Superhelden, sind wir nunmehr im Zeitalter des Wiederaufbaus angekommen. Nur: Das Problem war zuvor, dass kinematische Kollateralschäden zu einfach in Kauf genommen wurden. Jetzt schlägt man ins andere Extrem um. Sämtliche Auswirkungen der Gefechte werden im Handumdrehen relativiert, was dem Gefühl, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht, nicht unbedingt zuträglich ist.

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Ein eigenes Thema findet der Film nicht. Mehrfach geht es um die Verluste der Kriegszeit, doch die Geschichte bleibt nur ein weiteres Bezugssystem, wie die oben genannten. Die stärkere Einordnung in den historischen Kontext macht vor allem Sorgen, ob demnächst Zauberer im Zweiten Weltkrieg kämpfen. Sowohl in den Büchern, als auch in den Adaptionen, trugen die Todesser von Superbösewicht Voldemort nationalsozialistische Züge, bis hin zu ihrer Idealisierung reinen Blutes und einem auf ihre Zauberkraft bezogenen Suprematie-Gedanken. Eine andere prägnante Schurkenfigur war Dolores Umbridge, eine Wiedergängerin Margaret Thatchers. Rowling stellte ihnen eine multikulturelle, sozialdemokratische Solidargemeinschaft entgegen. Im Spin-off wird
die Beziehung zwischen Magiern und Non-Maj angeschnitten, aber nicht wirklich weiterentwickelt, obwohl mit Kowalski und einer anderen Figur sogar interessante Grenzgänger zwischen den Welten etabliert werden. Gerade die Matrix-artige Offenbarung, dass die Verschwörungstheorien der Second Salemers gleichzeitig richtig und falsch sind, hätte enormes inneres Konfliktpotenzial. Auch, dass Kowalski als Arbeiterfigur unter magischen Eliten bestehen kann, ist eigentlich interessant, wird aber kaum thematisiert und am Ende widerstandslos aufgelöst.

Es fehlen Kontraste und Reibung. Ob inhaltliche oder physikalische Wand, die Figuren teleportieren sich einfach daran vorbei. Nichts bleibt hängen. Yates verliert sich in den immer gleichen Effekten, wiederholt dieselben Affekte, interessiert sich für seine Figuren nur als Vehikel für den Plot und lässt alle Themen, die als Bindeglied dienen könnten, achtlos davontragen. Er erweist sich als handwerklich begabter Bühnenzauberer, aber seine Illusionen bleiben hohl und leer, farbenfrohe Pyrotechnik, mehr nicht. In der bunten Zauberwelt scheint nichts unmöglich und alles beliebig. Wenn alles Magie ist, ist nichts Magie.

Text von Lucas Barwenczik


Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind
Kinostart: 17.11.2016
Genre: Fantasy, Abenteuer
Regie: David Yates
Laufzeit: 132 min.
Verleih: Warner Bros. Gmbh

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