Rezension,

Queen of Earth (2015) – Humanismus aus Nihilismus heraus

September 08, 2015

„Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach Äußerlichkeiten. Das wahre Geheimnis der Welt liegt im Sichtbaren, nicht im Unsichtbaren.“ – Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray.

Queen of Earth ist ein wütender, konfrontativer Horrorfilm des Menschlichen. Von der ersten Einstellung an starrt er sein Publikum nieder, mit den von verlaufener Schminke in Brunnenschächte verwandelten Augen von Catherine (Elisabeth Moss). Es ist ein Moment der tiefsten Verzweiflung, der alles im weiteren Verlauf überschatten wird. Ihr zur Maske verzerrtes Gesicht klagt an und fleht zugleich nach Erlösung. Die junge Frau hat ihren Vater verloren, einen bekannten Künstler, in dessen Schatten sie ihr Leben lang stand. Ihr Freund James hat sie betrogen und verlassen. „Warum tust du mir das an?“, fragt sie. Eine zufriedenstellende Antwort erhält sie nicht. Die gesamte Schöpfung scheint sich gegen sie verschworen zu haben und droht nun,  langsam ins Nichts zu gleiten. Vor dem Übel der Gegenwart flieht sie zur Verkörperung ihrer Kindheit, ihrer Jugendfreundin Virginia (Katherine Waterston). Doch selbst die Bande der Freundschaft, an denen sie über dem bodenlosen Abgrund der Depression hängt, beginnen alsbald zu zerfasern…

Alles an Alex Ross Perrys vierter Regiearbeit (irgendwo zwischen Drama, Thriller und psychologischem Horror) scheint von Wut und Resignation erfüllt, bis hin zur Tongestaltung. Unheilschwanger dröhnt die Musik von Keegan DeWitt in jeden freien Raum, bis nur noch Klaustrophobie bleibt. Manchmal werden die flüsternden Stimmen der Darsteller fast von der Geräuschkulisse verschluckt. Nur, um sich im nächsten Moment zu orkanartigen Wänden aufzutürmen, die keine Götter neben sich dulden. Solche teils schleichenden, teils sprunghaften Wechsel definieren auch Hauptfigur Catherine. Der Film kehrt ihr Inneres nach Außen und zeigt das Ergebnis. Die Künstlerin gleicht Scheinriese Turtur aus Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer: Je näher die Kamera ihr kommt, je mehr Platz auf der Leinwand sie einnimmt, desto mehr schrumpft sie in sich zusammen. Die umliegende Landschaft wird ihr Echo: Aufgewühltes Wasser und menschenleerer Forst. Die Kamera drängt sich hautnah heran, sodass ihr Gesicht Geographie wird – zu einer Oberfläche des sonst Unsichtbaren.

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© Arsenal Institut

Tatsächlich sind Catherine und Virginia oberflächliche, narzisstische Menschen. Reichtum und Privilegien erlauben ihnen ein Leben, in dem sie sich über gewisse Existenzprobleme niemals Gedanken machen mussten. Der Titel Queen of Earth ist dabei natürlich kein Zufall, er persifliert ihre überzogene Anspruchshaltung. Ein reines Spottwerk über das Milieu des modernen, westlichen Hochadels, der sich selbst zu Tode denkt, erschafft Alex Ross Pery zum Glück nicht. Dafür steht er seinen Charakteren zu nah. Doch auch Empathie ist es nicht, die ihn antreibt.

Einen klassischen Plot gibt es nicht, Psychologie statt Geschichte wird zum ordnenden Prinzip. Ort und Zeit verkommen zu vagen Rahmenbedingungen: Eine Woche verbringt Catherine im abgelegenen Haus ihrer Freundin, doch Rückblenden und Zeitsprünge lassen die klare Chronologie verblassen. Es entsteht eine Gleichzeitigkeit der Ereignisse, die Vergangenheit dient vor allem als Waffenlager. Mit jedem Tag wächst die Antipathie zwischen den „Freundinnen“. Catherine und Virginia dienen einander als Projektionsfläche für alles Schlechte. Beide driften wohlstandsverwahrlost durchs Leben und sind auf erfolgloser Suche nach Sinn und Zufriedenheit. Sie erkennen nun zunehmend im Gegenüber den Schuldigen. Die Hölle, das sind die anderen – vor allem, wenn sie die eigenen Sorgen und Komplexe kennen.

Immer wieder lässt Perry Eitelkeiten und Ängste aufeinanderprallen, in mit spitzen Zungen ausgefochtenen Verbalduellen. Sieger gibt es keine, nur zwei immer stärker verwundete Kontrahenten, die trotzdem Runde um Runde weiterkämpfen. Schon ihre erste gemeinsame Szene setzt den passiv-aggressiven Grundton: Catherine läuft lieber die zwei Meilen zum Haus, anstatt sich von ihrer leicht verspäteten Freundin fahren zu lassen.

In jedem Satz schwingt ein Vorwurf mit. Beide halten den anderen für faul und antriebslos, für verwöhnt und selbstgerecht. Kurz: Sie werfen einander die eigenen Schwächen vor. Der Film weiß um die Macht von Sprache als Waffe, die verletzen kann. Darum, dass schon kleine Missverständnisse und Interpretationen aus harmlosen Randbemerkungen böswillige Angriffe machen.

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© Arsenal Institut

Die zunehmend beklemmende Situation drücken der Regisseur und sein Stamm-Kameramann Sean Price Williams aus, indem sie den Bildkader innerlich doppeln: Die Fenster des Hauses, Türen oder Gegenstände verengen die Sicht. Bedächtige Fahrten und Zooms lassen die Wände immer näher kommen. Die menschliche Trennung durch Architektur erinnert  an die Einsamkeits-Ästhetik von Tsai Ming-liang.

Statt Dialogszenen klassisch Aufzulösen, mit Schuss und Gegenschuss, sind oft beide Gesprächspartner im Bild zu sehen. Vorsichtig tastet sich die Kamera zwischen ihnen hin und her, als wäre sie ebenfalls auf der Suche nach Verständnis und Gemeinsamkeiten. Inszeniert wird eine unangenehme Nähe, eine selbstzerstörerische Abhängigkeit, die auch im Drehbuch mehrfach aufgegriffen wird. Die Bilder sind Teil der Gespräche und unterstreichen den Mangel an Kommunikation. Selten ist zu sehen, was man erwarten würde, alles gerät aus den Fugen.

Nebenfiguren treten wie Phantome auf. Virginias Freund Richie, diverse Partygäste – allen haftet etwas Irreales an. Jeder zwischenmenschliche Kontakt kommt für Catherine einem Alptraum gleich, ihre Depression macht aus Menschen Monster. (Nicht umsonst tritt später ein Charakter mit dem Namen „Warlock“ – Hexenmeister – auf.) Möglicherweise waren sie aber auch immer schon welche.

Depression ist die Brille, durch die der Film die Welt betrachtet. Man könnte ihm vorwerfen, die Krankheit mit Egoismus gleichzusetzen und als Wohlstandsproblem darzustellen, doch das wäre verkürzt: Es ist einfach der Versuch von komplexer Figurenzeichnung. Catherine ist schrecklich und mitleiderregend zugleich. Die Einordnung fällt schwer, ein Urteil sowieso. Also alles wie gewohnt bei Alex Ross Perry, der sich mit Queen of Earth endgültig als der Friedrich Dürrenmatt des amerikanischen Indie-Kinos etabliert – als „Humanist aus Nihilismus heraus“. Wer so vehement wie in Listen up Philip oder eben hier den menschlichen Ekel beschwört, kann das nur tun, weil er aus vollstem Herzen das Gegenteil herbeisehnt.

Text von Lucas Barwenczik


Queen of Earth
Kinostart: 05.05.2016
Genre: Drama, Thriller
Regie: Alex Ross Perry
Laufzeit: 90 min.
Verleih: Arsenal Institut

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