Rezension,

Spotlight (2016) – Nüchtern pathetisch

Februar 09, 2016

In seinen letzten Momenten wird Tom McCarthys Drama Spotlight zu einem gewaltigen Gefallenendenkmal: Weiße Schrift auf schwarzem Grund zeigt eine schier endlose Liste von Orten, an denen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche enthüllt wurden. Leinwand und Gedenktafel verschmelzen, Städte und Länder werden aufgeführt wie die Opfer eines Krieges. Journalismus ist für McCarthy nicht weniger als eine Schlacht um die Wahrheit. Wer dabei die Soldaten des Lichts sind, verrät schon der Titel. Doch strahlende Helden darf man im Spotlight-Team des Boston Globes nicht erwarten. Spotlight ist ein Film von grauem Pflichtbewusstsein, der selten zur großen Geste ausholt und ironischerweise gerade dadurch zur Apotheose wird.

Das Drehbuch erzählt zwei verschiedene Geschichten. Die erste ist ein unaufgeregt vorgetragener Thriller und handelt von einer kleinen Gruppe Menschen, die langsam einer großen Verschwörung auf die Spur kommen. Im Jahr 2001 engagiert der Globe Marty Baron (Liev Schreiber) als neuen Chefredakteur. Eine Kolumne bewegt ihn dazu, das Investigativ-Team der Zeitung auf den Fall eines Priesters anzusetzen, dessen Verbrechen von der Kirche verheimlicht wurden. Schon als er seine Pläne in einer Redaktionskonferenz andeutet, zeigt sich der Widerstand eines Systems, das vor allem in den Köpfen der Menschen existiert: Spürbar entweicht die Luft aus dem Raum, Gesichtszüge verhärten sich. Selbst die Reporter sind skeptisch, ob die Kirche des katholisch geprägten Boston ein Gegner ist, mit dem sie sich anlegen sollten. McCarthy positioniert in nahezu jeder Außenaufnahme des Films eine Kirche, mal dezent im Hintergrund, mal titanisch über den winzigen Darstellern türmend. Die Luft scheint zu mindestens zwanzig Prozent aus Weihrauch zu bestehen, Gott sieht alles.

© Paramount Pictures Germany

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Dabei wird weitestgehend auf klischeehaft frömmelnde Erzschurken verzichtet. Auch feige Vorgesetzte, die Angst vor der Reaktion der gläubigen Leserschaft haben, treten nicht auf. Konsequent beschreibt der Film Strukturen und Institutionen, anstatt einzelne Sündenböcke zu suchen und einfache Feindbilder anzubieten. Dieser Ansatz macht auch vor den Protagonisten nicht halt, die im besten Sinne auf ihre Funktion reduziert werden. Das Quartett wird angeführt von Walter Robinson (Michael Keaton), einem resoluten Mentor, der mühelos zwischen feinen Banketts und kahlen Büroräumen wandelt. Sein Team besteht aus Michael Rezendes (Mark Ruffalo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und Matt Carroll (Brian d’Arcy). Sie werden zwar von prominenten und großartig aufspielenden Darstellern verkörpert, bekommen jedoch über ihren Beruf hinaus wenig eigene Identität. Pfeiffer ist die einzige Frau der Gruppe und hat eine konservative Großmutter, Carroll sorgt sich um seine Kinder und die seiner Nachbarn,  Rezendes hat Eheprobleme. Alle eint, dass sie christlich erzogen wurden und der Glaube auch jetzt noch ein Teil von ihnen ist.  Die Stars werden hinter einer dezenten Maske aus Stangenanzügen und biederer Langeweile versteckt. Lediglich Ruffalo übertreibt es mit seiner Quasimodo-Körperhaltung und einem Repertoire alberner Grimassen, die wohl vom Hulk-Dreh übrig waren. (Natürlich ist ausgerechnet er für seine Rolle als bester Nebendarsteller bei den Academy Awards nominiert. Natürlich.)

Sie alle haben zwar ein Privat- und  Innenleben, das manchmal hinter der Fassade hervorbricht, vor allem aber sind sie Innenleben: Immer wieder verfolgt Masanobu Takayanagis Kamera sie durch die Eingeweide des Redaktionsgebäude, vom gläsernen Chefbüro bis hinab in die staubigsten Archive, als wären sie die Blutkörperchen eines lebenden Organismus. Als Individuum fühlen sie, in ihrer Summe arbeiten sie. Selbst Augenblicke des größten Triumphes sind höchstens Atempausen.

Das ist die zweite Geschichte des Films: Der Skandal ist eigentlich nur eine Kulisse, um ein verloren geglaubtes Ideal einer Profession zu beschwören. Spotlight spielt zwar vor gerade einmal fünfzehn Jahren, mutet jedoch manchmal wie ein Historiendrama an. Eine kurze Zeitreise bringt den Zuschauer in eine Ära, in der das Internet noch nicht omnipräsent war. Eifrig werden Akten und Unterlagen studiert, Journalismus wird als Handwerk gezeigt. Die Krise des Verlagswesens deutet sich zwar schon an (Baron muss sparen und vor dem Gebäude prangt  ein gewaltiges AOL-Plakat, das auf die Gegenwart verweist), doch das Siechtum ist noch nicht augenscheinlich. In Wort und Tat wird heute oft die Frage gestellt, ob man für geordnete Fakten, Ideen und Worte überhaupt noch Geld bezahlen sollte. Spotlight argumentiert und wirbt mit dem Idealfall, führt eine fünfte Macht vor, die für die Menschen arbeitet, aber nicht aus Menschen zu bestehen scheint, ein perfektes Nebeneinander von Empathie und kalkulierter Disziplin.

McCarthys Regie reproduziert dieses Ethos. Sie bleibt nüchtern, pragmatisch, funktional und, wenn möglich, unsichtbar. Die Journalisten suchen den Austausch und wiegen zwischen verschiedenen Positionen ab, also werden Gesprächssituationen primär mittels Schuss-Gegenschuss-Prinzip bebildert. Ihre Arbeit besteht in Persistenz und Wiederholung, also bildet auch die Form dies ab. Man kann das für langweilig halten, aber auch die Zurückhaltung loben. Manchmal darf ein Film sanft bewegen, anstatt gleich mitzureißen.

© Paramount Pictures Germany

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Man darf aber durchaus Fragen: Welchem Zweck dient das alles? Siegreiche Schlachten noch einmal hervorzukramen und dramatisch aufzuarbeiten, ist in Hollywood nichts ungewöhnliches, so funktioniert das Prestigekino nun einmal. So wie sich Politiker in der fernen Außenpolitik profilieren, weil die internen Kämpfe so kompliziert und von unmittelbarer Wirkung sind, zieht man sich in die Vergangenheit zurück. Das Problem: McCarthy belässt es beim Nacherzählen und schafft es selten, etwas Gegenwärtiges zu kreieren. Spotlight ist kaum aktueller als Die Unbestechlichen. Irgendwo in seinem Film liegt noch eine dritte Geschichte verborgen. Vielleicht die der Opfer, die zwar Gesichter, aber keine wirkliche Präsenz kriegen. Vielleicht die des Kampfes zwischen Glauben und Kirche oder  Individuum und System.

Doch der Regisseur will in Nostalgie schwelgen, stickige Büroluft atmen und sich an der frisch getrockneten Tinte des Fetischobjekts Zeitung berauschen. Er baut ein Heldendenkmal aus grobem Asphalt, für uncoole Männer in Beigetönen. Die Nüchternheit schlägt in eine andere Form von Pathos um. Seine Helden aus zweiter Reihe werden auf ein Podest gestellt. Doch das Ergebnis erinnert eher an einen Zoo, mit „großen“ Journalisten als vom Aussterben bedrohte Art. Pandas mit Deadline, putzig und harmlos, aber nutzlos. Wenn der Journalismus so lebendig ist wie Spotlight, kann man seine Gedenktafel schon einmal in Auftrag geben.

Text von Lucas Barwenczik


Spotlight
Kinostart: 25.02.2016
Genre: Drama, Thriller
Regie: Tom McCarthy
Laufzeit: 128 min.
Verleih: Paramount Pictures Germany

1 Kommentar

  1. Paup sagt:

    Ein Meisterwerk.

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