Rezension,

The Voices (2014)

April 25, 2015

Ein netter, junger Mann verguckt sich in seine Arbeitskollegin und versucht, diese von sich zu überzeugen. Doch Ereignisse nehmen eine dramatische Wendung, als sie ihn auf dem vereinbarten Date sitzen lässt.


Irgendetwas an Jerry Hickfang erscheint fremdartig und falsch. Vielleicht ist es der überzogene Enthusiasmus, mit dem er seiner eigentlich trivialen, zermürbenden Arbeit bei Milton Fixture & Faucet nachgeht. Niemand kann sich so für die Herstellung von Badewannen begeistern. Vielleicht liegt es daran, dass seine Antworten nie ganz zu den gestellten Fragen passen und er immer ein wenig in seiner eigenen Sphäre zu schweben scheint. Es könnte natürlich auch die Tatsache sein, dass er junge Frauen zerstückelt und ihre Köpfe in seinem Kühlschrank aufbewahrt. Es ist eine dieser Vorlieben, die man weder ins Onlinedating-Profil, noch in einen Lebenslauf schreiben sollte.

Jerry leidet unter dem allseits bekannten, nicht näher definierten Leinwand-Wahnsinn, der zum Serienmörder macht. Fremde Stimmen sprechen zu ihm – etwa die seiner Haustiere, Katze und freudsches Es Mr. Whiskers, sowie Bullmastiff und Über-Ich Bosco (beide gesprochen von Hauptdarsteller Ryan Reynolds). Schuld an seiner Störung ist neben einer traumatischen Kindheit vor allem Regisseurin und Drehbuchautorin Marjane Satrapi. Die im Iran geborene Französin veröffentlicht mit The Voices ihren nunmehr vierten Spielfilm, bekannt wurde sie mit der Verfilmung ihrer eigenen Graphic Novel-Reihe Persepolis. Mit der Aufarbeitung ihrer eigenen Jugendzeit hat die mittlerweile Fünfundvierzigjährig abgeschlossen. Schon Huhn mit Pflaumen verlagerte den Schwerpunkt vom Autobiographischen, Persönlichen, eher in Richtung einer schwer verortbaren Drama-Komödie. Nur das comichaft-artifizielle blieb erhalten.

 The Voices filtert den Kamerablick durch die meistens rosarot bebrillten Augen von Jerry, dessen Sinn für Realität lange schon verloren ist. Vorsichtig wird das Publikum an seine Perspektive herangeführt. Reynolds präsentiert eine neue Interpretation von Dexter, die wirkt, als wäre der sympathische Killer von nebenan vom Jim Carrey der Neunziger gespielt worden. Mit naiver Sanftmut grimassiert und menschelt er sich durch Büro- und Firmenalltag, nervt Kollegen mit überflüssigen Fragen und führt ungelenk Smalltalk. Außerdem flirtet er mit seinen Kolleginnen, die wohl auf eine Jobanzeige bei Milton reagiert haben: „Zur Verstärkung unseres Teams suchen wir zum nächstmöglichen Zeitpunkt –uninteressante, stereotype Frauen.“ Fiona (Gemma Arterton) ist britisch und hatte sich vom Leben mehr versprochen als „Highschool Football und Karaoke.“ Lisa (Anna Kendrick) ist dünn und blond, Allison (Ella Smith) füllig und brünett. Auch sonst ist der Film mit Sitcom-Figuren wie „Lustiger Inder“ oder „Verständnisvoller Boss“ gefüllt. Jacki Weaver spielt die „Besorgte Therapeutin“ Dr. Warren, gibt sich zwar Mühe, kann aber auf dem wackeligen Drehbuchfundament nichts aufbauen.

Stilistisch gibt die dunkelbunte Komödie sich bemüht extravagant und schrullig, knallige Farben wie pink beherrschen das Bild, nur um manchmal kurz braun und schwarz zu weichen. Es ist ein verquerer Mix aus Jean-Pierre Jeunet, Wes Anderson und Tim Burton, der nie die Qualität seiner Vorbilder erreicht. Wahnsinn wirkt reichlich konventionell, wenn man all seine Darstellungsformen schon einmal gesehen hat. Als hätte Satrapi sich streng an den „Leitfaden für unkonventionelle, schrullige Komödien“ gehalten, nur eben mit ein wenig mehr Kunstblut. Ein Gedicht ist nicht ausdruckstärker, nur weil an jedem Buchstaben besonders viele Schnörkel befestigt sind. Oder Ausrufezeichen!

Es ist ein suchender Film von einer suchenden Regisseurin. Es ist löblich, dass sie ihre früheren Erfolge nicht plump reproduzieren will, aber The Voices wirkt wie eine reine Kopfgeburt, in welche die Filmemacherin nur wenig investiert war. Das Hauptproblem ist, dass es nicht wirklich etwas zu erzählen gibt. Gerade der Mittelteil, in dem Jerry mordet und nach und nach Teile seiner Vergangenheit offenbart, fehlt es an Drama, an einem Ziel oder Zweck. Der Film will lustig sein, ist es aber nur selten. Mr. Whiskers flucht mit schottischem Akzent, ab und zu fällt ein lustiger Spruch oder es passiert etwas recht Skurriles. Der Film will aber auch schockieren, vor allem zum eigenen Vergnügen. Beides vermengt sollte schwarzen Humor ergeben, doch die verschiedenen Elemente wollen sich nicht vermengen, bleiben Comedy-Wasser und Horror-Öl.

Nichts vermittelt das Gefühl, es stünde etwas auf dem Spiel. Die Charaktere, auch Jerry selbst, sind dünn bis durchsichtig. Ferne Nachkommen von Figuren, die schon vor Jahrzehnten langweiliges Klischee waren. Es gibt hier nichts zu ergründen, schon gar kein Blick in Seele und Verstand von geistig Kranken. Ja, der Psychologie und dem gesellschaftlichen Bild von psychisch Erkrankten tut der Film keinen Gefallen, aber es fällt schwer, sich wirklich über den Film zu ärgern, ihm auch nur irgendeine Reaktion entgegen zu bringen. Da sind Frauenköpfe im Kühlschrank, huch. Der Film interessiert sich ja nicht einmal für sich selbst. Wie soll den Zuschauer kümmern, was schon dem Film spürbar egal ist? The Voices wankt von Szene zu Szene ohne Vorwärtsbewegung und sackt am Ende einfach in sich zusammen, nur um das langsame Abklingen als großes Finale zu verkaufen. Am Ende gibt es sogar eine große Tanzeinlage, genau wie man sie aus den schwächeren Dreamworks-Animationsfilmen kennt.

Wenn am Ende Jesus im Gabelstapler herumfährt, hat man den Eindruck, die Adaption eines mittelmäßigen Webcomics zu sehen. Ein atonales Geblubber, das vor allem gleichgültig macht. Man kann, wenn der Abspann vor dem Auge vorbeitanz, wenig feststellen außer: Das ist jetzt also passiert, dieser Film existiert. Sicher liegt das Böse oft im Banalen, und das Böse ist oft faszinierend und anziehend. Aber daraus sollte man nicht schließen, dass das Banale die gleiche Sogkraft besitzt. Manchmal ist es gerade die Bestrebung, ganz besonders und auffällig zu sein, durch die Mediokrität zementiert wird. The Voices kaschiert seine Ideenlosigkeit mit Gimmicks und ist damit die Kino-Entsprechung von Slipknot. Hoffentlich raten die Stimmen in Marjane Satrapis Kopf ihr beim nächsten Mal zu etwas aufregenderem.

Wertung: 


The Voices
Kinostart: 30.04.2015
Genre: Komödie, Horror
Regie: Marjane Satrapi
Laufzeit: 103 min.
Verleih: Ascot Elite Filmverleih

 

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