Rezension,

Underdog (2014)

Juli 17, 2015

Die 13 Jahre alte Lili kämpft, um ihren Hund Hagen davor zu beschützen, auf der Straße ausgesetzt zu werden. Als sie ihren Vater schließlich nicht davon abhalten kann, beginnt sie sich auf die Suche nach Hagen zu machen. Dieser jedoch sammelt bereits seine eigenen Erfahrungen als verstoßener Straßenköter.


Tier, das ist nicht einfach ein Wort, sondern immer auch ein Urteil. Eine Abwertung des Fremden, Falschen und scheinbar Primitiven – also des Anderen. Die Gefahr liegt, wo dieses Urteil Gesetz wird. Das Kino liebt den Underdog, die Welt nur selten. Kornél Mundruczós allegorisches Drama weiß um diesen Umstand und berichtet aus einem Land, in dem jeden Tag stärker getrennt wird, in dem Grenzen gedeihen, statt zu verfallen, wie es uns mittlerweile logisch erscheint. Ungarn wird sich selbst unter Viktor Orbán zunehmend unheimlich. Es ist die Geschichte einer Revolution: Wenn ein Land vor die Hunde geht, so denkt sich der Regisseur, kann man es auch gleich von ihnen zerfleischen lassen. Oder, mit Christian Morgenstern: “Weh dem Menschen, wenn nur ein einziges Tier im Weltgericht sitzt.”

Erzählt wird aus zwei Perspektiven, die Kamera nimmt beide ein: Die Erhabene und die Unterwürfige. Die der Hunde und die der Menschen, die der Opfer und die der Täter. Die Eltern der jungen Lili (Zsófia Psotta) trennen sich. Während ihre Mutter zum neuen Freund zieht, muss sie drei Monate bei ihrem Vater Daniel (Sándor Zsótér) verbringen. Ihre Familie ist in die Brüche gegangen, mit der halben will sie sich nicht begnügen. Ihrem Vater (früher Professor, heute Qualitätskontrolleur in einer Metzgerei, Blut klebt an Kleidung und Hemden) gibt sie nur widerwillig einen Begrüßungskuss, ihre Liebe gilt vor allem ihrem Mischlingshund Hagen. Doch ein neues Gesetzt belegt Hunde, die nicht reinrassig sind, mit einer zusätzlichen Steuer. Prompt wird Hagen ausgesetzt und ist nun auf sich allein gestellt. Auf der Straße ergeht es ihm nur selten gut, die Menschen, denen er begegnet, sind selbstsüchtig und grausam. Ein Tierheim wird zur Keimzelle des Umbruchs und die Höhe der Zäune nicht einfach Hindernis, sondern Ansporn.

Der deutsche Untertitel von Fehér Isten (“Weißer Gott”, der deutsche Verleihtitel infantilisiert sein Publikum wieder einmal unnötig) verspricht Eine ungarische Rhapsodie. Doch auch wenn Franz Lists Stück vertreten ist, behält dieser damit nur zum Teil Recht. Denn so formlos, wie die Einordnung es verheißen würde, ist der Film bei weitem nicht. Gerade Lilis Geschichte folgt den altbekannten Mustern des Entwicklungsromans, inklusive erster Liebe, Familienstreit und Selbstfindung. Coming-of-Age im Modus „Malen nach Zahlen“, bemüht vorgetragen von Newcomerin Zsófia Psotta, die zwar eine gewisse Natürlichkeit, aber wenig mehr auf die Leinwand bringt. Sándor Zsótér scheint für die Bühnen dieser Welten geschaffen und ist in Ungarn vor allem als Theaterregisseur bekannt. Was tut er hier? Seine nichtige Rolle als besorgter Vater scheint ein Gefängnis zu sein. Erst in den großen Gesten, welche die letzten Momente des Films bestimmen, findet er zu sich selbst.

© Delphi Filmverleih

© Delphi Filmverleih

Die Menschen menscheln sich durch den Alltag und bleiben dabei meist wenig aufregend. Die Geschichte um Promenadenmischung Hagen hingegen ist, gerade inszenatorisch, äußerst einnehmend. Wo dem Forscher das Vermenschlichen meist eher ein Übel ist, gereicht es dem Filmemacher zu neuen Herausforderungen und Ausdrucksformen. Schon die erste Texttafel des Films erklärt es – 250 echte Hunde haben an den Dreharbeiten teilgenommen. Im Film werden sie eine leidende Schicht, so empfindsam wie Menschen, aber ohne einen Anspruch ihrer Würde. Hagen von Tronje ist im Niebelungenlied die Figur, die den nahezu unverwundbaren Siegfried erschlägt und auch seine Hundeentsprechung im Film nimmt es mit Feinden auf, die zuvor noch übermächtig erschienen. Wie Bressons Esel Balthazar leidet er unter den Menschen, unter den Häschern des Tierheims und den Hundekämpfern. Hagen von Tronjes blinder Gehorsam ist ihm fremd, den kampflosen Märtyrertod will er nicht sterben. Er wird zum Rebellen, zum Spartacus.

Tiere im Kino sind für Filmemacher oft eine besondere Herausforderung, Mundruczós glückt das Meiste: Was die reine Inszenierung nicht schafft, Kadrierung und Mise-en-scène, das übernimmt die Projektionskraft des menschlichen Verstandskraft. Mit Tieren wollen wir fühlen, sie scheinen uns unschuldiger als unsere Artgenossen. Manchmal droht der Film in die Sentimentalität zu rutschen, in einigen Szenen springt er vergnügt hinein. Ob es die Disney-Sozialisierung des Publikums ist, die in Streunern gleich Susi und Strolch sehen will? Möglich ist es, ganz verwehrt sich der Regisseur diesem Impuls nicht. Mäßigung hätte gut getan, vor allem: Konsequenz.

Denn nicht nur durch die menschlichen Momente, durch das Drama im Gesamten zieht sich die künstlerische Unentschlossenheit. Fallhöhe konstruieren wird zu oft mit Sentiment gleichgesetzt, gerade am Ende fehlt der letzte Biss. Das Publikum bleibt ungestraft, es bleibt ein letzter Sicherheitsabstand zum Gezeigten.

Schon einmal schaffte es in diesem Jahr großbebildertes Politkino in die Lichtspielhäuser; Leviathan und Underdog verbindet viel: Das Parabelhafte, die innere Brüchigkeit, die zum Ikonischen neigende Filmsprache. Aber auch ein Vorwurf: Ist es nicht zu genehm, wenn das westliche Publikum beklatscht, wie anderswo gegen jene aufbegehrt wird, die hier allzu leicht als Feind entlarvt sind? Auch in diesem Fall bleibt es eine Unterstellung, die zu kurz gedacht ist. Als wäre es nicht gerade der lokale, spezifische Blick, der diesen Lehrstücken die universelle Kraft gibt, die den Gesinnungsapplaus möglich, aber unsinnig macht. Aber wo Leviathan mit einer unbarmherzigen Schlusspointe aufwartet, folgt hier eine große Versöhnung. Kann man jenen, die das dämonische Urteil treffen, vergeben? In dieser Welt? Ja, man muss es sogar. Im Kino? Niemals. Fantasie muss Grenzenlos sein. Gnadenlos.

Wertung: 

Text von Lucas Barwenczik


Underdog
Kinostart: 25.06.2015
Genre: Drama
Regie: Kornél Mundruczó
Laufzeit: 121 min.
Verleih: Delphi Filmverleih

 

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