Rezension,

Victor Frankenstein (2015) – Monstrum ohne Herz und Hirn

April 22, 2016

Mary Shellys Roman Frankenstein mag fast zweihundert Jahre alt sein, der Kraft seiner zentralen Ideen tut das keinen Abbruch. Der Diskurs um künstliche Intelligenz und Fortschritte der Genetik macht die Geschichte des modernen Prometheus so aktuell, wie sie es im viktorianischen Zeitalter war. Eigentlich spricht nichts gegen eine filmische Neuauflage des bekannten Stoffes und dem zeitgenössischen Hollywood-Kino mit seinen Remakes und Reboots ist die Reanimation nicht fremd. Leider ist die unheilige Kreation, die Regisseur Paul McGuigan mit Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn geschaffen hat, von geradezu prometheischer Idiotie.

„You know this story.“, behauptet Igor (Daniel Radcliffe) eingangs in einem Voice-Over. Eine der knapp vierhundert fragwürdigen Ideen der neuen Adaption ist es, die Figur des buckligen Assistenten (die im Roman nicht vorkommt, sondern erstmals 1939 in Frankensteins Sohn auftrat) zum Erzähler zu erheben. Seine Geschichte beginnt in einem Zirkus, wo der geniale Mediziner ein trauriges Dasein als Clown fristet. Von seinen tumben Kollegen wird er aufgrund von Körperhaltung und Intellekt verspottet, Trost findet er einzig und allein im Studium der menschlichen Anatomie und bei der schönen Hochseilartistin Lorelei (Jessica Brown Findlay). Als sie während einer Vorstellung stürzt, rettet Igor ihr das Leben, mit der Hilfe eines aus der Menge hervortretenden Medizinstudenten. Dieser stellt sich als Victor Frankenstein (James McAvoy) vor, sieht in ihm einen potenziellen Partner und ermöglich die Flucht aus dem Zirkus. Gemeinsam arbeiten sie nun an Frankensteins neustem Experiment – er will ein Monster aus Leichenteilen zum Leben erwecken.

© Fox Deutschland

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Wie bereits angedeutet ist Victor Frankenstein selbst ein hoffnungslos überladener Flickenteppich von Ideen und Versatzstücken anderer Filme – wie eine Monsterkreatur, die nicht aus einzelnen Organen gebaut, sondern willkürlich aus 40 Tonnen Schlachtabfall zusammengepresst wurde. Der Einstieg im Zirkus erinnert an Tim Burton, die Buddy-Dynamik zwischen den Wissenschaftlern an Guy Ritchies Version von Sherlock Holmes, die dumpf-scheppernden CGI-Kämpfe lassen an Flops wie Van Helsing oder die jüngste Frankenstein-Umsetzung I, Frankenstein denken. Max Landis‘ Drehbuch stellt eine lose Adaption des Romans dar. Hat er die Vorlage gelesen? Nur den Klappentext? War er möglicherweise noch nie im selben Raum wie eine Ausgabe von Frankenstein? Alle Option erscheinen angesichts der kruden Mixtur aus Prequel, Origin Story, Interpretation und Parodie gleichermaßen valide.

Worum genau es eigentlich gehen soll, bleibt unklar. Da ist natürlich die Frage nach wissenschaftlicher Moral, die sich in einem Spektrum von Charakteren niederschlägt: Frankenstein wird als verblendeter Fortschrittsgläubiger dargestellt, der mit seinem Kampf gegen die Natur des Menschen eigene Fehler revidieren will. Auf der anderen Seite des Spektrums steht der tiefgläubige Inspektor Turpin (Andrew Scott), der aus seinem persönlichen Schicksal andere Schlüsse gezogen hat und die Experimente unterbinden will. Frankensteins aus wohlhabenden Verhältnissen stammender Studienkollege Finnegan (Freddie Fox) übernimmt die Rolle des Wissenschafts-Mäzen und hat eigene, finstere Pläne. Igor fällt die Rolle des vorsichtig optimistischen Skeptikers zu. Leider kommen diese Positionen nur in Form von wahllos in den Raum krakelten Plattitüden zum Ausdruck. Die Diskussionen verlaufen nicht einmal auf Talkshow-Niveau und wirken wie einem Aufsatz entnommen, für den ein Schüler im Englischunterricht mit einer 4+ noch gnädig bewertet worden wäre.

Jegliche Aussagekraft wird alsbald von jämmerlich gefilmten und planlos choreographierten CGI-Kampfsequenzen geschluckt. Die sind lediglich buntes Füllmaterial, der Film verkommt zu Piñata. Und genau wie bei einer Piñata würde man gerne mit einem Baseballschläger draufprügeln.

Das liegt auch daran, dass keiner der Darsteller interessant oder gar überzeugend spielt. James McAvoy versucht mit jeder Geste die Sets einzureißen, er ist stets bemüht, doch seine hyperaktive Manie und die dümmlichen Grimassen sind nach spätestens zehn Minuten nur noch enervierend. Radcliffe hingegen kann keinen einzigen Akzent setzen und trägt zu der Rolle wenig bei, bis auf sporadisch angedeutete Haltungsschäden. Er mag der Protagonist sein, doch eigentlich ist Igors Präsenz unerheblich und sogar störend. Die elegante, simple Figurenkonstellation der meisten Verfilmungen, in der die väterliche Beziehung zwischen Schöpfer und Monster im Mittelpunkt steht, weicht einem wirren Cluster aus Unsinn. Die Kreatur verkommt in dieser Version zum Videospiel-Endgegner, den man zweimal an einer leuchtenden Stelle treffen muss.

© Fox Deutschland

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Andrew Scott stellt sein vollkommenes Desinteresse an der Rolle als Gegenspieler so offen zur Schau, dass es fast schon unverschämt ist. Wie im Halbschlaf murmelt er sich durch seine Szenen und wirkt dabei, als hätte er einen kräftigen Blitzschlag dringender nötig als das Monster. In einer Szene taucht Charles Dance auf, sie mutet an wie ein Überbleibsel aus einem anderen Film. Selbst mit knapp einer Minute Bildschirmzeit drückt er dem Film stärker seinen Stempel auf, als die zur blassen Belohnungsfrau degradierte Jessica Brown Findlay.

Die Beziehungen zwischen den (in Ermangelung eines besseren Wortes) Charakteren krankt daran, dass alles ausformuliert wird. Jedes noch so kleine Detail wird verzweifelt an die Oberfläche gepumpt, jeder Subtext wird Text, es wird viel gesagt und wenig gezeigt. Die Kamera setzt McGuigan amateurhaft ein, als hätte er in einem Buch über Filmsprache geblättert und alle Grundregeln nach eigenem Ermessen umgesetzt. So wird dann etwa konsequent jede mächtige Figur von unten gefilmt und im Schuss-Gegenschuss-Verfahren aufgelöste Dialoge werden von Zweiereinstellungen unterbrochen, wenn die Gesprächspartner sich einig sind. Zwischendurch wünscht man sich neben den Schocks für Andrew Scott auch selbst ein paar, nur um wach zu bleiben.

Der Film wirkt brüchig, zusammenhangslos und zerfällt in Stichpunkte: Die humoristischen Einlagen erinnern meist nur daran, dass Mel Brooks Frankenstein Junior ziemlich unterhaltsam war. Spätere Einstellungen werden Anfangs vorweg genommen, weil man das halt so macht. Die Sets sehen aus, als hätte ein Praktikant bei der BBC Levels aus Resident  Evil 6 nachgebaut. Die Musik wurde geschrieben und aufgenommen. Am Ende ist der Film vorbei.

Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn bietet weder Genie noch Wahnsinn, sondern eigentlich gar nichts außer himmelschreiender Dummheit. Der Film ist ein Monstrum, dem es an Herz und Hirn fehlt. Und wenn man ehrlich ist, auch an allem anderen.


Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn
Kinostart: 12.05.2016
Genre: Fantasy, Abenteuer, Horror
Regie: Paul McGuigan
Laufzeit: 110 min.
Verleih: Fox Deutschland

3 Kommentare

  1. PandaVegetto sagt:

    *Movie opens with Igor narrating*
    Igor: „You know this tale“.
    *MOVIE CUTS TO THE END CREDITS*
    Die Zusammenfassung des Films von Red Letter Media kam mir auch in den Sinn.

    Max Landis hat sich ja von dem Film distanziert, als Drehbuchautor hat man es wohl auch nicht leicht. Der Film ist eine einzige Katastrophe, dagegen wirkt I, Frankenstein fast wie ein richtiger Film. Mary Shelley rotiert bestimmt in ihrem Grab.

    1. Max Landis sollte sich erst mal von Max Landis distanzieren.

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