Rezension,

Victoria (2015) – Durch die Nacht mit …

Juni 23, 2015

Ein Film – eingefangen in einer einzigen langen Kamerafahrt – über die, aus Spanien geflüchtete, Neuberlinerin Victoria, die sich nach einer langen Partynacht von einer Bande Berliner Jungs in den Bann ziehen lässt. Zusammen streunen sie durch die leeren Straßen Berlins, bis Ereignisse eine dramatische Wendung nehmen.


Die bevorstehende Morgendämmerung reichert die frische Nachtluft auf den leergefegten Straßen Berlins mit magischen Momenten an. Es sind diese Art Momente, die nur nach einer durchzechten Nacht kurz vor Anbruch des neuen Tages erlebt werden können. Bald werden die ersten Sonnenstrahlen das Zwielicht der Straßenbeleuchtung vertreiben, doch noch ist Zeit. Vermögen es solche Nächte schließlich, jegliche Realität des folgenden Tages in weite Ferne zu verbannen – zwischen 4 und 7 drehen die Zeiger langsamer. Doch das morgige Erwachen wird kommen. Bis dahin werden sich die magischen Momente in einen romantischen Schleier gehüllt haben, der die Erinnerung an sie im Angesicht des Alltags vernebeln und in eben jene Ferne verdrängen wird, in der sich in der vergangenen Nacht noch die Realität befand. Doch was, wenn dem Erwachen kein Schlaf vorausgeht? Wenn die verträumte Romantik plötzlich von den einfallenden Sonnenstrahlen harsch kontrastiert wird? Dann werden jene Momente Realität, gewollt oder nicht.

Die spanische Victoria ist so hübsch wie sie einsam ist – selbst der Barkeeper ist nicht bereit für Smalltalk. Doch ihre Einsamkeit verspricht, im Zuge einer Begegnung mit Sonne und seinen Jungs zu schwinden. Plötzlich heißt es für sie: Durch die Nacht mit einer verschworenen Bande Berliner Jungs, die so locker wie kleinkriminell unterwegs sind. Zu jeder anderen Tageszeit wäre diese ungleiche Paarung wohl nicht zu Stande gekommen. Doch die Magie der Dämmerung verleitet Victoria dazu, sich von Sonnes verschmitztem Grinsen und der Kollegialität der Bande in den Bann ziehen zu lassen. Gemeinsam mäandern die angeheiterten Mittzwanziger durch die Straßen von Kreuzberg und Mitte. Zunächst schlicht eine planlos romantische Suche nach Glück und Freiheit – bis Ereignisse auf den unvermeidbaren Wendepunkt hinauslaufen und sich in einem dramatischen Crescendo entfalten, das den Zuschauer atemlos zurücklässt.

© Senator Filmverleih

© Senator Filmverleih

Regisseur Sebastian Schipper und Kameramann Sturla Brandth Grøvlen inszenieren diesen nächtlichen Trip in einer einzigen Kameraeinstellung. Kein Schnitt – 140 Minuten ununterbrochen an der Seite der Charaktere. Als eigenständiger Akteur integriert die Kamera so den Zuschauer in die Gruppe rund um Victoria, Sonne und den anderen Jungs. Es ist, als schlenderte man mit ihnen selbst durch das nächtliche Berlin. Die Herausforderung eines solch wagemutigen Longtakes liegt nicht allein in der Kunst der handwerklichen Choreographie und Planung. Natürlich sollte kein Regieassistent nach 120 gefilmten Minuten in die Aufnahme watscheln, Lichter und Kamera umstoßen und Statisten falsche Anweisungen geben. Ferner fällt die Bedeutung und der Zweck eines jeden Moments für das Gesamtkunstwerk auch um ein vielfaches stärker ins Gewicht. Jede Szene muss funktionieren und all das an Narration und Emotion übermitteln, was übermittelt werden soll. Im Schnitt können diese Momente nicht entfernt, gekürzt oder durch andere, aussagekräftigere Szenen ersetzt werden. Der Take ist in Stein gemeißelt. Dies stellt eine vielleicht noch größere Herausforderung und Gefahr des Longtakes dar als die eigentliche handwerkliche Choreographie, Planung und Umsetzung – denn Regieassistenten können angeschnauzt und Choreographien können geübt werden. Für Emotionen und magische Momente gilt dies nicht. Wie akribisch sich die Schauspieler deshalb an das ausgefeilte Drehbuch gehalten haben?

Nun, gar nicht. Oder kaum. Denn das Drehbuch umfasste gerade einmal stolze 12 Seiten mit den wichtigsten Informationen zu Charakteren und Ereignissen. Die Dialoge in Victoria sind deshalb überwiegend improvisiert. Schipper beweist hier mit Laia Costa und Frederick Lau in den Hauptrollen ein geschicktes und glückliches Händchen im Casting. Sie stehen 140 Minuten lang im Rampenlicht der Bühne Berlins und spielen sich zusammen wie im Rausch durch alkoholbedingten Übermut, subtile Gestik- und Mimiken, improvisierte englische Dialoge, rasant inszenierte Ereignisse bis hin zu großen Emotionen. Das alles mit einer unglaublichen Chemie und einem genialen Gespür für dramatische Nuancen. Es lässt sich nicht weniger deterministisch ausdrücken: Endlich bietet ein deutscher Film mal authentische Charaktere. In Victoria gibt es keine Charikaturen oder Parodien sondern Menschen. Dafür benötigt es keine ausgefeilten und am Reißbrett entworfenen Dialoge, für welche Nebensätze mit Exposition angereichert werden, es benötigt keine Flashbacks oder krude Begebenheiten. Alles was es braucht, ist authentisches Schauspiel und die Fähigkeit, dieses mit cleveren Kameraeinstellungen einzufangen. Costa, Lau, Schipper und Grøvlen (und alle anderen Beteiligten) machen es vor. Besonders letzterer beweist auch unter der extremen Last des Stilmittels seinen Sinn für Bildkompositionen und Tiefenschärfe.

Victoria ist ein Film über Gegensätze. Einsamkeit und Kollegialität. Stärke und Angst. Hoffnung und Depression. Realität und Traum. Es geht um Befremdlichkeit und Konformität mit der eigenen oder einer fremden Kultur und Gesellschaft. Vor allem geht es jedoch um die Erwartung und Vorstellung eines Jeden, ein besserer und glücklicherer Mensch zu werden. Der Weg dorthin wird für Victoria in dieser Nacht zum ersten Mal seit Langem von Sonne beleuchtet. Doch der Nachthimmel kennt viele Sonnen. Der Tag hingegen kennt nur die eine, die all die anderen kleinen Lichtlein verblassen lässt.

Wertung: 

Text von Johannes Dahlke


 

Victoria
Kinostart: 11.06.2015
Genre: Thriller, Drama
Regie: Sebastian Schipper
Laufzeit: 138 min.
Verleih: Senator Filmverleih

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