Rezension,

Virgin Mountain (2015) – Der Berg und die Liebe

April 13, 2016

Fúsi ist Mitte 40, wohnt noch immer bei seiner Mutter und hatte noch nie eine Freundin. Bei der Arbeit in der Gepäckabfertigung am Flughafen, machen sich seine Kollegen wegen seiner Körperfülle über ihn lustig. Virgin Mountain nennen sie ihn spöttisch, doch das lässt der gutmütige Hüne ohne Widerwillen über sich ergehen. Seine Freizeit verbringt er am liebsten zuhause, mit dem Nachstellen von Modell-Kriegszenarien aus dem zweiten Weltkrieg. Jeden Freitag fährt er zum chinesischen Restaurant in der Nähe, um dort stets das gleiche Gericht zu bestellen. Warum auch etwas Neues ausprobieren, wenn das bereits bekannte doch schmeckt? Da sich dieses Motto wie ein roter Faden durch sein gesamtes Leben zieht, haben seine Eltern einen Entschluss gefasst: Damit er endlich lernt aus seiner routinierten Tristesse auszubrechen, haben sie ihn für einen Line-Dance Kurs angemeldet. Zuerst scheut er sich, doch als er dort die blonde Sjöfn kennen lernt, wird seine monotone Welt komplett auf den Kopf gestellt.

Der isländische Regisseur Dagur Kári hat ein Herz für Außenseiter: In seinen Filmen wie Nói Albinói oder Ein gutes Herz schenkt er Eigenbrötlern die Aufmerksamkeit, die ihnen sonst verwehrt bleibt. So auch bei seinem aktuellen Werk Virgin Mountain, in dem Kári erneut beweist, wie sehr es ihm gefällt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers zu spielen. Obwohl er sich an den typischen Zutaten einer romantischen Komödie bedient, gelingt es ihm einen Film zu schaffen, der sich angenehm von stets nach dem gleichen Schema ablaufenden Liebesgeschichten abheben kann. Die Darstellung des jungfräulichen Mittvierzigers, der noch zuhause lebt und nicht in die Gänge kommt ist dabei keineswegs etwas Neues, Kári inszeniert diese jedoch angenehm unaufgeregt, fernab einer Hollywood-Romanze und umgeht dazu geschickt den Klischees, die sich auftun wenn man seinen Film mit einer unattraktiven Hauptfigur besetzt.

© Alamode Filmverleih

© Alamode Filmverleih

Fúsi ist weder Frauenheld, noch Perverser, auch wenn Sjöfn dies bei ihrer ersten Begegnung kurz in den Sinn kam. Fúsi ist ein ehrlicher Charakter, vor allem aber jemand den man einfach nur gerne hat. Herausragend verkörpert wird er Gunnar Jónsson, der in Island durch sein Mitwirken in diversen Fernsehserien und Comedy-Shows bekannt wurde. Er besticht – nicht nur dank seiner Körperfülle – mit einer unglaublichen Präsenz.  Dennoch sind es die kleinen Gesten, die sein Schauspiel wie aus einem Guss wirken lassen. Kári, der auch für das Drehbuch verantwortlich war, sah in ihm von Beginn an die Idealbesetzung für den gutherzigen Außenseiter und schrieb die Rolle eigens für den Schauspieler. Eine Zusammenarbeit, die sich im Nachhinein nicht nur als absoluter Glücksfall entpuppte, sondern Jónsson auch den Darstellerpreis des Tribeca Film Festivals einbrachte.

Virgin Mountain ist neben Sture Böcke (OT: Hrútar), in dem Jónsson ebenfalls als Schauspieler zu sehen ist, nun bereits der zweite isländische Beitrag aus dem vergangenen Jahr der auch international große Erfolge verzeichnen kann. Ein Rekordjahr für die isländische Filmlandschaft und gleichzeitig ein beachtlicher Output für ein Land, das mit rund 320.000 Einwohnern gerade einmal die Größe einer deutschen Großstadt erreicht.

In leisen und gefühlvollen Tönen erzählt Virgin Mountain über Einsamkeit und Emanzipation eines Außenseiters im hohen Norden. Auch wenn Dagur Kári sein ernstes Thema etwas zu leichtfüßig verpackt, um nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen, so ist ihm nicht zuletzt dank seines sympathischen Hauptdarstellers eine bittersüße Tragikomödie gelungen, die einem trotz kalter Kulissen ganz schnell warm ums Herz werden lässt.

Wertung: 

Text von Lukas Markert


Virgin Mountain
Kinostart: 12.11.2015
Genre: Drama, Tragikomödie
Regie: Dagur Kári
Laufzeit: 94 min.
Verleih: Alamode Film

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